Kopfüber-Kolumne

Legales Kiffen an Gifhorns Schlosssee: Willst Du auch mal ziehen?

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 06.01.2022
Legales Kiffen an Gifhorns Schlosssee: Willst Du auch mal ziehen?

Die Koalitionspartner SPD, Grüne und FDP haben sich geeinigt: Viel dürfte der Legalisierung von Cannabis nicht mehr im Weg stehen. KURT-Kolumnist Malte Schönfeld meint: Die Entscheidung ist einfach überfällig.

Foto: Brandon Nickerson/Unsplash

Man stelle sich einen Abend im Juni vor. Der Schlosssee liegt ruhig, die letzten Strahlen des Tages funkeln auf dem Wasser. Ein leichtes Rauschen vom Schilf. Das Schnattern einer Ente. Es ist erstaunlich, was für eine Kraft die Sonne in diesen Minuten noch hat. Ein junges Pärchen wirft auf der Schlosswiese eine Decke aus. Aus dem gelben, viereckigen Rucksack lüften sie zwei Schöfferhofer Grapefruit, plopp, plopp, er öffnet die eisgekühlten Flaschen gekonnt mit einem Feuerzeug und reicht ihr eine. Drei, vier Minuten sagt keiner ein Wort. Dann: „Jetzt ein kleiner Spliff, das wäre was.“ Sie greift in ihre Bauchtasche, zückt einen Joint hervor und lächelt: „Ich habe doch an alles gedacht.“

Die Koalitionspartner SPD, Grüne und FDP haben sich geeinigt: Viel dürfte der Legalisierung von Cannabis nicht mehr im Weg stehen. Legalisierung bedeutet in diesem Sinne vor allem eines: der Besitz und der Verkauf. Das Betäubungsmittelgesetz kam bisher als ein logisch nicht zu lösendes Gedankenexperiment daher: Konsum legal, Besitz illegal.

In den Reihen der Grünen und der FDP überwiegen schon seit Jahren die Stimmen derjenigen, die eine Gesetzesänderung fordern. Unvergessen ist da der Auftritt von Martin Lindner, damals FDP und jetzt CDU, der sich in der Fernsehshow „Stuckrad Late Night“ nicht nur zum Marihuana bekannte, sondern auch expertengleich an einem Sticky zog. Und die andere Partei, die Grünen, durfte sich auf Cem Özdemir verlassen, der mit einer „geliehenen“ Cannabis-Pflanze für ein Video posierte.

Wenig überraschend, dass sich in beiden Wahlprogrammen eine Abkehr von der bisherigen Drogenpolitik fand.

Die soll es nun auch wirklich geben. „Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein“, heißt es im Ergebnis-Papier. Wie plötzlich! Dem einen oder anderen Kiffer wird da glatt der Bong-Kopf ausgekippt sein. Das Tempo kann da nur zweierlei bedeuten: Zum einen möchte die neue Bundesregierung von vornherein einiges anders machen als die Vorgängerin; zum anderen ist die Entscheidung einfach überfällig.

Einem Forschungsbericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge hat jeder zweite junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren mindestens einmal Cannabis ausprobiert. Das ist eine gewaltige Zahl. Das grüne Gold hat ein irres Verbreitungsgebiet, es ist mitten in der Gesellschaft verankert: Hippies, Reggae, die 68er-Bewegung, Urlaub in Amsterdam, Headshops, Marsimoto, „Wir kiffen“ von Stefan Raab, Che-Guevara-Poster in Jamaica-Farben und so weiter. Wer will da ernsthaft behaupten, dass es irgendwo noch etwas Anstößiges, Ruchloses, Wildes am Buffen gibt?
Zweifellos ist es jetzt die Aufgabe der Bundesregierung, dieses Projekt richtig anzupacken.

Das bedeutet vor allem auch: auf die Gefahren und Nebenwirkungen hinweisen. Ja, Cannabis und Junihimmel passen toll zusammen. Doch wir müssen auch über Psychosen, Angstzustände und depressive Phasen sprechen. Nicht zu jedem passt Cannabis. Ein verantwortungsbewusster Umgang will erlernt sein, dafür müssen die geschulten Betreiber und Betreiberinnen der Geschäfte sorgen. Auf welche Inhaltsstoffe muss ich achten, was ist der Unterschied zwischen Sativa und Indica, habe ich genügend Essen im Kühlschrank?

Vor allem aber spüre ich eine enorme Solidarität mit denjenigen, die seit Jahrzehnten Angst vor Polizeikontrollen haben, weil sie ein paar Buds in der Tasche haben. Euch wünsche ich ganz tolles Lemon Haze! Lasst es Euch schmecken.