Kunst

Fragmente der Erinnerung, die von der Zukunft künden: Stipendiat Onur Abaci stellt im Künstlerhaus Meinersen aus

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 02.09.2026
Fragmente der Erinnerung, die von der Zukunft künden: Stipendiat Onur Abaci stellt im Künstlerhaus Meinersen aus

37°21‘25.3‘‘N 41°23‘22.2‘‘E aus der Reihe „Bergtürke“, 90 × 80 × 18 Zentimeter, gefundenes Stück Stoff, Glas, MDF, Walnuss, 2025.

Foto: Hannah Jung

In der Quantenphysik spricht man dann von Superposition, wenn sich ein Atom gleichzeitig in mehreren Zuständen befindet – oder an mehreren Orten. Und andersherum kann es in der Kunst passieren, dass ein Ort durch seine schier unzertrennliche Verankerung in der echten Welt bestimmt wird, oder eben durch Überlieferungen und Symbole. Onur Abaci, Stipendiat der Landkreis-Gifhorn-Stiftung in Kooperation mit dem Landkreis Gifhorn, erforscht genau diese Knotenpunkte und Wirkungen. Zu sehen ist seine Ausstellung „37°40‘36.50‘‘N 40°21‘01.81‘‘E“ im Künstlerhaus Meinersen.

Verästelungen, Sackgassen, Labyrinthe, Routen ins Ungewisse – wenn man die aktuellen Werke von Onur Abaci betrachtet, wirken sie fast wie Karten. Feine Spuren führen wie bei „Ballad for the mountains II.“ scheinbar unkoordiniert von Ort zu Ort. Und 37°21‘25.3‘‘N 41°23‘22.2‘‘E aus der Reihe „Bergtürke“ ist akribisch abgelaufen und gelüftet.

Man kommt nicht umhin, nach dem genauen Punkt auf dem Globus zu fragen, zu dem die namensgebenden Koordinaten weisen. „Geografisch führen sie in den Südosten der Türkei, nach Kurdistan“, erklärt der Künstler. Sie seien jedoch vielmehr ein Ausgangspunkt für etwas, das sich seiner direkten Erfahrung entziehe. Eine Welt, die sich biographisch aus überlieferten Geschichten, Bildern, Fragmenten und Vorstellungen lückenhaft zusammensetzt.

„Die Arbeiten beschäftigen sich mit der Frage, wie Kultur weiterleben kann, wenn ihre materiellen Träger verschwunden sind“, erklärt Onur Abaci, Stipendiat im Künstlerhaus Meinersen.

Foto: Privat

Geboren ist Onur Abaci 1998 in Celle. Länger schon handeln seine Arbeiten von der êzîdîschen Bevölkerung, ihrer Vertreibung aus dem Osten der Türkei und ihren Lebenszeichen. „Die Arbeiten gehen von konkreten Orten in Kurdistan aus, beschäftigen sich aber letztlich mit der Frage, wie Kultur weiterleben kann, wenn ihre materiellen Träger verschwunden sind“, erläutert er. Und auch das ist ein wenig wie in der Physik – alles hinterlässt Spuren, nichts ist wirklich weg, es flimmert stets eine leise Hintergrundstrahlung.

Bildsprachlich übernimmt Onur Abaci Ornamente und Muster, greift sich Materialien wie Walnussholz und Vergissmeinnicht, um sie initial zu verschwistern. „Mich interessiert, was passiert, wenn eine Form aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst wird und in einen neuen gelangt“, meint der Künstler.

Die Zeit in Meinersen habe ihm dabei geholfen, sich auf konkrete Orte und Abbildungen zu beziehen. Dennoch solle eine Abbildung zwischen Erkennbarkeit und Abstraktion geheimnisvoll fragmentarisch bleiben.

In seinen Werken scheint Onur Abaci selbst Kundschafter zu sein, der bei Sagen, Gesagtem und Niedergeschriebenem nach dem Weg fragt. Landschaft, Mythologie und kollektives Gedächtnis verschmelzen so zu etwas Eigenem, das sich zwar auf die Relikte bezieht, aus dem jedoch ureigenes Unbekanntes erwachsen kann. So wird die bisherige Geschichte an einem anderen Ort weitergeschrieben. Und diesmal ist es Meinersen gewesen.

Eine unheimliche Tiefe gewinnt die Ausstellung für Lesefreunde über die Werke hinaus durch den erhellenden Begleittext von Moritz Simon. So oder so: Ein Zuhause für große Kunst im Landkreis Gifhorn bleibt Meinersen. Jetzt muss sich das Publikum bloß in seiner Superposition für das Künstlerhaus und gegen das Sofa entscheiden.

Ausstellung von Onur Abaci:
„37°40‘36.50‘‘N 40°21‘01.81‘‘E“
Künstlerhaus
Hauptstraße 2, Meinersen
Vernissage: 4. September, 19 Uhr
Ausstellung: 4. bis 27. September Do., Sa. & So. 15 bis 18 Uhr


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