Stadtgespräch

Alternative: Hose voll! An Gifhorns Schlosssee bleibt nur noch das Wildpinkeln – Dabei ist das eine Straftat und wird so auch zur Geschlechterfrage

Jutta Bahr, Jana Richter Veröffentlicht am 09.05.2021
Alternative: Hose voll! An Gifhorns Schlosssee bleibt nur noch das Wildpinkeln – Dabei ist das eine Straftat und wird so auch zur Geschlechterfrage

Jana, ich muss mal. Am Gifhorner Schlosssee steht Jana Richter (links) ihrer Freundin Jutta Bahr beim dringenden Ausschau halten nach einer Toilette zur Seite. Vergebens!

Foto: Çağla Canıdar

Hose auf und gut. Was Männer oftmals schnell und weitestgehend unbemerkt erledigen können, stellt Frauen vor weit größere Herausforderungen. Lautet ihre Alternative angesichts fehlender Gelegenheiten und drohender Strafen also: Hose voll? In einem Gastbeitrag für KURT schildern Jutta Bahr und Jana Richter ihre Erlebnisse und fordern mehr öffentliche Toiletten. Denn ob Mann es nun wahrhaben will oder nicht: Die Toilettenfrage ist auch eine Geschlechterfrage.

Seitdem mein kleiner Hund gestorben ist, mache ich, Jutta Bahr, keine kurzen Spaziergänge mehr in der Nähe meiner Wohnung. Aber wir müssen uns doch bewegen und an die frische Luft. Gerade in diesen Corona-Zeiten! Also das Fahrrad aus der Garage und hinaufgeschwungen. Wunderschöne Sonnentage trotz des Winters lockten mich heraus. Wohin? Na, mal um den Gifhorner Schlosssee radeln.

Die Wege sind vorzüglich und wegen des schönen Wetters auch entsprechend viele Spaziergänger unterwegs: Familien mit kleinen Kindern, junge Leute, innig aneinander geschmiegt, und die älteren Menschen sogar zum Teil mit Walking-Sticks. Und Fahrräder en masse.

Rechts und links grüße und winke ich Menschen. Hier am Gifhorner Schlosssee ist ja so viel los wie auf dem Ku’damm, denke ich mir noch. Doch dann merke ich, dass mein Nach-mittagskaffee dringend raus muss. Was tun?

Die kleine Ecke Wald habe ich schon hinter mir, und da waren ja auch jede Menge Leute mit ihren Hunden. Also weiter. Beeilung! Schneller!

Kann ich hier jetzt meinen nackten Hintern entblößen? Oder kommt vielleicht gleich jemand um die Ecke? Jana Richter hat sich jahrelang mit dem Wildpinkeln abgefunden – „doch je älter ich werde, desto weniger bin ich dazu bereit“.

Foto: Çağla Canıdar

Nein, es ist nicht mehr zu schaffen. Also werfe ich mein Fahrrad an die Hecke hinter dem Parkplatz am Kreishaus unweit des Gifhorner Schlosses und suche mir zwischen den parkenden Autos einen Platz.

Hoffentlich kommt niemand vorbei und sieht mich. Ich mache mich schließlich strafbar nach Paragraph 183a des Strafgesetzbuches.

Doch da kommt schon eine Frau, sie geht gerade zu ihrem Auto und erblickt mich. Ich bin noch nicht fertig und sehe schnell weg. Doch keine Chance. Sie ruft mir lachend zu, das sei ihr auch schon öfter passiert.

In Gifhorns Stadtmitte gibt es seit kurzer Zeit drei öffentliche Toiletten: hinter dem Rathaus, im Parkhaus an der Hindenburgstraße und neuerdings auch am Bahnhof Gifhorn-Stadt. Doch hier am Schlosssee? Fehlanzeige!

Mehr als 42.000 Frauen und Männer leben in meiner Heimatstadt – und sie alle müssen mal. Nur die Männer haben es dabei natürlich wesentlich komfortabler, wenngleich es auch ihnen gesetzlich untersagt ist, einfach an den nächsten Baum zu urinieren.

Wie ergeht es wohl den Busfahrerinnen? Oder den Frauen, die in den Straßen die Grünanlagen pflegen? Nein, die drei öffentlichen Toiletten und jene in den Supermärkten reichen einfach nicht aus. Es müssen mehr Toiletten her, die natürlich gegen angemessene Bezahlung auch sauber gehalten werden.

Es gibt doch auch jede Menge Ständer mit Kotbeuteln für Hunde. Auch am Gifhorner Schlosssee. Nur an uns Menschen wird dort nicht gedacht.

Szenenwechsel: Ein gewöhnlicher Sonntag im Januar 2021. Kalt, nass, windig. Die Pandemie hat leider keinerlei positive Auswirkungen auf das Wetter in Hannover.

Das Highlight der Woche ist der Spaziergang. Da ich, Jana Richter, am Maschsee mittlerweile jeden Schwan mit Namen ansprechen kann, erkunden mein Mann und ich heute zur Abwechslung den Kanal. Welch Abenteuer! Aber ehrlich, meine Laune hebt sich, ähnlich wie auf Reisen. Die Pandemie lehrt Bescheidenheit.

An Hunde wird gedacht, nur nicht an Menschen: Jutta Bahr wundert sich über die Kotbeutelspender am Schlosssee.

Foto: Çağla Canıdar

Nach gut drei Kilometern, während ich die Abwechslung genieße, Möwen statt Schwänen einen Namen zu geben, meldet sich langsam der Kaffee vom Vormittag. Zu meinem Bedauern nicht in Form von munterer Aufgewecktheit, sondern schlicht in Form von Druck auf der Blase. Auch mein Mann muss mal. Noch bevor sich bei mir die Panik breitmacht, biegt er schon kurz vom Spazierweg ab in einen Seitenpfad, öffnet die Hose und uriniert stehend mit dem Rücken zu mir und der Welt fröhlich vor sich hin. Abgeschüttelt, Hose zu, weiter geht’s.

Ich stottere ein „Ich will auch“ vor mich hin, schaue wie ein Eichhörnchen nach Nüssen suchend links und rechts nach einem Versteck. Laufe den Seitenpfad hoch, doch da sieht man schon die Straße und all die Autos, laufe wieder zurück, links, rechts, nein... Dies ist kein Ort, an dem man unauffällig hockend seinen blanken Hintern entblößt.

Ich denke an Kinder, die ihre Mutter fragen, was die Frau da macht. Ich denke an religiöse Familien, die sich meinem nackten Hintern völlig ausgesetzt bekreuzigen und mit den Armen in der Luft fuchteln. Ich stelle mir vor, wie mein Arbeitgeber um die Ecke kommt, seine Großmutter an der Hand zum Sonntagsspaziergang ausführend, und vor Entsetzen ruft: „Frau Richter!!!“

Und dann, nach all diesen im Kopf bereits durchgespielten Szenarien, entscheide ich mich, noch ein wenig weiter auszuharren und einen geeigneteren Platz zu suchen. Es ist aber Januar, kein Blatt am Busch. Und es ist Januar in der Pandemie: Kein Café und kein Biergarten sind geöffnet. Ich finde kurz vor Zwölf – nach meiner biologischen Uhr – einen Busch, ohne Blätter und nur halbwegs geeignet, laufe wie eine Diebin im geeigneten Moment dahinter und erblicke all die Taschentücher am Boden. Ja, meine Schwestern, Ihr wart heute auch schon alle hier.

Während ich den einen trockenen Quadratmeter suche, mein Taschentuch bereithalte, es nach Gebrauch beschämt im Angesicht der Umwelt zu Boden zu werfen, während ich versuche den Urinstrahl nur Millimeter neben meinen Stiefeln zu steuern und gleichzeitig nach links und rechts schaue, ob nicht doch jemand kommt, versuche meinen Hintern hoch genug vom Grashalm zu halten, während all dem frage ich mich voller Ernst: Muss das denn sein? Wir leben in einem so fortschrittlichen Land, in dem überall Mülltonnen aufgestellt sind. Es gibt jede Menge Kotbeutelchen für den Hund. Von Schildern ganz zu schweigen. Aber die Notdurft des Menschen? Weder will ich im Angesicht der Sonntagsgesellschaft urinieren, noch will sie das mit ansehen.

Aber was soll ich tun? Mir in die Hosen machen? Zur Zeit der Pandemie bieten nicht mal alle Tankstellen eine Toilette an. Für eine Frau im Außendienst natürlich problematisch, für eine menstruierende Frau eine Katastrophe.

Ich erinnere mich liebevoll an eine Zeit zurück ohne Pandemie, in der ich zu einer Gastronomin oder einem Gastronomen meiner Wahl mit gekreuzten Beinen vortreten konnte – den Kopf gesenkt, rot angelaufen und mit „Bitte“ und „Danke“ und „Ausnahmsweise“ und „Ich zahle auch, was Sie wollen“. Und diese Person entschied dann, ob sich das Martyrium fortsetzte oder hier und jetzt in unendlicher Dankbarkeit für beendet erklärt wurde.

Je älter ich werde, desto weniger gefallen mir beide Varianten. Das öffentliche Urinieren nicht und auch nicht das Bitten, auf Toiletten urinieren zu dürfen, auf denen ich prinzipiell nicht willkommen bin.

Noch schöner finde ich dann das Bezahlen auf öffentlichen Toiletten. Ich frage mich zweierlei: Zum einen, warum ich für die Erledigung der Notdurft bezahlen muss, als sei es etwas Luxuriöses? Zum anderen: Geht das Geld, welches ich aufs Tellerchen lege, direkt an den Menschen, der die Toiletten reinigt? Und falls ja, heißt das dann, dass sein Lohn davon abhängt, wie viele Menschen heute mal müssen? Das wäre doch ein Skandal. Oder ist das Geld etwa dazu gedacht, dass ich verantwortungsvoller mit der Toilette umgehe? Dann, muss ich sagen, funktioniert es leider nicht. Zumindest nicht bei allen.

Wenn ich an selbstreinigende Bahnhofs- und Raststättentoiletten denke, dann erinnere ich mich an einen Gelegenheitsjob als Hostess, bei dem ich US-Amerikaner/innen in einem Bus von Rostock nach Berlin begleitet habe. Mitten in der Busfahrt verteilte ich 1-Euro-Münzen und klärte die Gäste über den Gebrauch einer Sanifair-Toilette auf.

Ich schwöre hier und jetzt, die Attraktion auf eine Toilette zu gehen, für die man bezahlen muss, war am Ende des Tages für die Reisenden anscheinend spannender als der Besuch der Überreste der Berliner Mauer. Sie alle „mussten mal“. Ganz plötzlich.

Ein Gast rief währenddessen sogar übers Handy jemand anderes in Amerika an und erzählte ihm, dass er gerade auf eine Toilette geht, die mit einem Drehkreuz gesichert ist. Sie alle wunderten sich, dass deutsche Toiletten mit beinahe den gleichen Sicherheitskontrollen geschützt werden wie die Highschools in ihrem Heimatland.

Ich dagegen akzeptiere jeden Preis, um eine abschließbare Toilette nutzen zu dürfen – und vielleicht noch fließendes Wasser. Doch wie viel muss eine sechsköpfige Familie ausgeben für die Notdurft, die einen Nachmittag in der Stadt verbringt? Und wenn sie finanziell schlecht aufgestellt ist, sich deshalb Getränke und Essen von zu Hause mitnimmt und danach alle sechs aber mal müssen? Wird Urinieren zur sozialen Frage? Urinieren sie dann alle im städtischen Grün?

Was ist mit Schwangeren, Menschen mit Blasenschwäche und Transfrauen, die noch ihr biologisches männliches Geschlecht haben, sich also theoretisch an einen Baum stellen könnten, sich aber damit outen würden?

Was ist mit schüchternen, introvertierten Menschen? Müssen die leider zu Hause bleiben aus Angst, irgendwann auf die Toilette zu müssen, aber keine begehbare in Reichweite zu haben? Was ist mit den Frauen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in die Hocke können? Sollte man ihnen vorsorglich empfehlen, Windeln zu tragen, da es zu wenig öffentliche Toiletten gibt?
Ich bin mir ja bewusst, dass eine Toilette und Wasser im öffentlichen Raum Luxus sind. Aber dann denke ich auch, dass es doch ein unausweichlicher Schritt in Richtung Fortschritt, Umweltschutz und sozialer Teilhabe ist – zumindest solange man für öffentliches Urinieren je nach kommunalem Bußgeldkatalog zwischen 35 und 5000 Euro Geldstrafe zahlt. In besonders schweren Fällen droht sogar bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe.

Sollten wir also am Gifhorner Schlosssee, am Maschsee-Nordufer in Hannover oder wo auch immer wirklich dringend mal müssen, und keine Gastronomie wäre in erreichbarer Nähe, wäre unsere Alternative zur Ordnungswidrigkeit dann, dass wir uns in die Hosen machen? Sind wir mit dem Auto unterwegs und haben einen vollen Tampon, aber kein Geld für die Raststätte, ist unsere Alternative dann, uns in die Hosen zu bluten?

Im Angesicht dieser erniedrigenden Alternativen rufen wir die Städte und Gemeinden zum Aufbau von mehr öffentlichen, kostenfreien und zugänglichen Toiletten auf. Mit gerecht bezahltem Personal. Für den Fortschritt, für die Geschlechtergleichstellung und für den Umweltschutz.

Vor allem aber müssen wir Frauen solche Themen öffentlich machen, um nicht weiterhin öffentlich zu müssen.

Jutta Bahr (71) aus Gifhorn engagiert sich im Gifhorner Frauenzentrum „Frauen(t)räume“ und wirkt dort auch bei den Theaterfrauen mit. Jana Richter (31) aus Hannover ist Theaterpädagogin und leitet die Gruppe. In Kooperation mit den Theaterfrauen haben sie diesen Beitrag verfasst – als Alternative zu gemeinsamen Proben und Auftritten, die angesichts der Pandemie zurzeit nicht möglich sind. Im Internet sammeln sie weitere Wildpinkel-Storys von Frauen, um ihre Forderung zu unterstreichen. Mitmachen ist ausdrücklich erwünscht.

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