Musik
Taktlos, aber nie und nimmer ohne Gefühl: Gemeinschaft, Emotion und pure Freude prägen den Chor aus Groß Schwülper
Matthias Bosenick Veröffentlicht am 29.08.2026
Einer der aktivsten Chöre im Landkreis Gifhorn ist Taktlos, der in Groß Schwülper tief verwurzelt ist. Gemeinsam unternehmen die Mitglieder auch Fahrten ins Wendland, um zu üben und die Gemeinschaft zu pflegen.
Foto: Privat
Holt schon mal das Popcorn raus: „Popcorn“ ist nämlich der Titel des nächsten Taktlos-Projektes. Bei Taktlos handelt es sich eigentlich um einen Pop- und Gospel-Chor aus Groß Schwülper, aber diese Sängergemeinschaft hat sich noch nie selbst begrenzt – schließlich waren Musicals im Jahre 2010 der Anlass für die Gründung. Der Vorsitzende des Chors, Andreas Geburzky, erzählt KURT von Revues, dem Glück des guten Chorleiters und den anstehenden Terminen im September sowie zum 1. Advent.
„Popcorn“ wird sogar für die an größere Projekte gewöhnten Sängerinnen und Sänger von Taktlos ein größeres Projekt, versichert Andreas. Zur Aufführung kommen neben Chorsätzen aus Filmmusiken auch kleine gespielte Szenen.
Diese Vorgehensweise ist für Taktlos keineswegs neu. „Wir haben die ersten Jahre nach der Gründung alle zwei Jahre ein Musical oder eine Revue aufgeführt“, erzählt der Vorsitzende. Und steigt damit gleich in die Entstehungsgeschichte des Chors ein.
Denn in den Nullerjahren betreute die damalige Chorleiterin Katharina Hoffstadt rund 150 Kinder und Jugendliche in mehreren Chören. Deren Eltern wiederum fanden sich zu einer Musical-Gruppe zusammen, und „daraus ist im Jahre 2010 der Chor entstanden“. Von den damals 35 Sängern sind heute sogar noch 14 unter den nun 48 Aktiven dabei. Andreas gehört zu den Gründungsmitgliedern, obwohl der heute 71-Jährige erst zwei Jahre vor der Chorgründung überhaupt mit dem Singen begann.
2018 verließ die Chorleiterin Schwülper. Katharina Hoffstadt riss eine große Lücke, sagt Andreas: „Sie war eine tragende Säule der Chormusik im Ort.“ Eine Nachfolgerin fand sich mit Kristina Kocharyan, einer Klavierlehrerin aus Eltze. Die wiederum nach drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen die Partituren niederlegte. Das war während der Corona-Zeit, da verzeichnete die Gruppe zudem einige Austritte. Als es mit der neuen Chorleitung schlecht aussah, sah auch Andreas schwarz: „Ich war versucht, alles aufzugeben“, seufzt er.
Doch ausgerechnet der Umstand, dass die Pandemie allerorts Lücken ins kulturelle Leben riss, entpuppte sich für Taktlos als Vorteil, denn der renommierte Chorleiter Paul Schaban hatte einige Absprünge zu verzeichnen und also Platz in seinem Terminkalender. „Seit 2022 ist Paul dabei, und das ist für uns ein großes Glück.“ Denn: „Er ist sehr gut. Er ist sympathisch und menschlich. Er ist sehr genau.“ Auch wenn es für den Chor bedeutete, den angestammten Übungsabend um einen Tag auf den Dienstag zu verschieben – angepasst an Pauls Kalender. Andreas hat dafür Verständnis: „Er übt jeden Tag mit einem anderen Chor.“
Aktenordnerdicke Sammlungen an Liedtexten studieren die Mitglieder von Taktlos mit großer Freude, derzeit vor allem Pop und Gospel.
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Mit Paul ging es auch personell wieder bergauf. „Seitdem er da ist, sind relativ viele dazugekommen“, freut sich der Vorsitzende. Einen Mangel an Männerstimmen verzeichnet Taktlos dennoch, der Chor könne gut Tenöre und Bässe gebrauchen, sagt Andreas. Deswegen singen vornehmlich Frauen im Tenor – anstatt im Alt oder Sopran. Ein weiteres Problem ist: „Wir überaltern.“ Die Altersspanne liege grob zwischen 40 und 70 Jahren, das Durchschnittsalter sei mit den Jahren kontinuierlich gewachsen. Er seufzt: „Wir suchen jüngere Leute, aber das ist nicht einfach – es kann gern Nachwuchs zu uns kommen.“
Die erste größere Aktion mit Paul war gleich ein Auftritt mit Geflüchteten aus der Ukraine. „Wir waren mit Chor und Gästen 100 Leute auf der Bühne“, staunt Andreas noch heute. Zusätzlich bildeten 15 Musiker ein Orchester, denn „Paul hat Kontakte“. Größere Projekte hatten Taktlos ja schon so einige: Direkt vor den Corona-Lockdowns führten sie etwa die selbst entwickelte Revue „Elli, die Hundertjährige – eine Lebensgeschichte“ auf, angelehnt an das Buch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson.
In solchen Musicals und Revuen steckt enorm viel Arbeit, erzählt Andreas: „Sie werden zwei, drei Jahre lang vorbereitet – und dann nur einmal aufgeführt.“ Ausschließlich in Schwülper, denn Gastspiele seien der großen Personenzahl wegen nicht umsetzbar, zumal oft Bandmusiker dazukämen, die der Chor wahlweise aus den eigenen Reihen oder aus Bekannten- und Familienkreisen rekrutiert. Obschon eine komplette Band außerhalb der Projekte nicht zur Standardbegleitung von Taktlos gehört – sondern das Klavier: „Paul ist ein virtuoser Klavierspieler“, schwärmt Andreas. Lediglich bei Bedarf kommen auch mal weitere Instrumente wie Gitarren, Schlagzeug, Flöten oder Blasinstrumente hinzu.
Es ist nicht allein der Gesang, um den sich Taktlos kümmert, sondern auch das Schauspiel. Für einzelne Aufführungen fertigt Mitglied Andreas Romey passende, fantasievolle Bühnenbilder an.
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Zusätzlich zum Gesang gehört bei den Musicals und den Revuen ja auch die Schauspielerei dazu. Etwa bei der Aufführung des Berliner Musicals „Linie 1“, woran sich Andreas gern erinnert: „Das war ein tolles Stück, es hat viel Spaß gemacht mit Text und Gesang.“ Kurz schwenkt er zu den Bühnenbildern, die Chormitglied Andreas Romey anfertigte – wie überhaupt für alle möglichen Stücke um die 100 Bilder, die seien eine Augenweide.
Nun singt der Chor ja auch abseits von Projekten, dafür legte er sich auf Pop und Gospel fest. „Wir machen zurzeit mehr Pop als Gospel“, lenkt Andreas ein, „das hat sich so ergeben.“ Viele Gospelstücke im Programm sind von Hans Christian Jochimsen aus Dänemark komponiert, der habe schöne Stücke und Arrangements geschrieben, und ansonsten verfährt der Chor so, dass jedes Mitglied Vorschläge einreicht und die Singenden aus einer Rangliste dann abstimmen, was ins Repertoire übernommen werden soll.
Andreas selbst ist breit aufgestellt bei den Lieblingsliedern: „Ich finde viele Gospelstücke sehr schön, aber auch Pop.“ Er sinniert kurz: „‚Help‘ von den Beatles singe ich gerne“, auch „Zombie“ von den Cranberries, „Africa“ von Toto oder „Believer“ von Imagine Dragons. Zwar entscheidet der Chor über die Auswahl demokratisch, doch kann es auch mal vorkommen, dass manche wieder von der Liste fallen, „weil man keinen schönen Chorsatz dazu findet“, bedauert Andreas. „Da ist dann keine große Spannung drin“, erklärt er, und betont, dass die Auswahl immer noch groß genug ist: „Es ist kein Problem für uns, Lieder zu finden.“
Manchmal kommt es auch vor, dass der Chor nach kurzer Zeit feststellt, dass ein Lied nicht zu ihm passt. Das kann auch inhaltlich der Fall sein, wie zuletzt bei „Do They Know It‘s Christmas?“ von Band Aid: „Da passt der Text nicht mehr in unsere Zeit“, stellten die Singenden fest, als sie die überhebliche westliche Sicht auf Menschen in afrikanischen Hungerregionen wahrnahmen. „Den haben wir gestrichen.“
Ein weiterer Schwerpunkt für Taktlos sind die Adventskonzerte. „Wir sagen extra nicht Weihnachtskonzert“, betont Andreas, denn der Chor will auch Lieder ins Programm nehmen, die sich eher auf die Jahreszeit beziehen. Diese Konzerte finden zusammen mit dem Jugendchor The Cocos stets am 1. Advent ab 19 Uhr in der St.-Nikolaus-Kirche in Groß Schwülper statt. „Das hat immer großen Anklang gefunden“, freut sich Andreas und setzt augenzwinkernd nach: „Die Kirche war immer voll, was außer an Weihnachten selten der Fall ist.“ Der Chorauftritt bildet dann den Abschluss des am selben Tag laufenden Adventsmarkts, so soll es dieses Jahr auch wieder sein.
In Groß Schwülper ist Taktlos kaum wegzudenken, hier ein Foto aus 2012.
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Auch zwei weitere Auftritte stehen bereits fest: am 13. September mit dem Chor Tonart aus Wendeburg in der dortigen Kirche, „mit zwei, drei weiteren Chören“, sowie eine Woche später die Goldene Konfirmation in Groß Schwülper in der St.-Nikolaus-Kirche. Von Ständchen oder kleineren Auftritten wie früher sieht der Chor inzwischen jedoch ab, „weil der Aufwand zu groß ist“.
Neben dem Plan, die „Popcorn“-Revue auf die Beine zu stellen, möchte der Chor an eine alte Tradition in Schwülper anknüpfen: „In der Kirche gab es eine Kulturnacht“, erzählt Andreas. Die fand alle zwei Jahre statt, zusammen mit Kinderchören, anderen Chören, Einzelkünstlern und Bands zu Themen wie Irland, Frankreich, Australien oder der Space Night.
Nach Corona gab‘s erst wieder eine Kulturnacht. Bisher ohne Aussicht auf Fortsetzung, da es der ausrichtenden Kirche an Kapazitäten mangelt, aber „wir überlegen, es vielleicht allein zu organisieren“. Das ergab eine interne Wahl aus Vorschlägen für künftige Projekte. „Popcorn“ war das eine, die Kulturnacht auf Platz zwei. „Die werden wir sicher wieder machen“, ist Andreas zuversichtlich. „Ist ein Projekt fertig, muss ja das nächste kommen.“
Und für all diese Auftritte gilt es, regelmäßig zu proben. Das geschieht dienstags, 20.30 Uhr, in der Okerhalle in Schwülper. „Jedes Mal bei der Probe zu sein, ist schwierig“, gibt Andreas zu. Immerhin kommt dem Chor seine Personenzahl zugute, die Proben und Auftritte mit Lücken in den Reihen verschmerzt, „aber es ist zäher, weil manche so kleine Änderungen nicht mitbekommen“.
Das genannte „Africa“ etwa sei anspruchsvoll: „Das ist herausfordernd mit seinen Rhythmen und den Wechseln zwischen den Stimmen“, sagt er. „Inzwischen können wir das aber gut.“ Er zuckt mit den Schultern: „Manche Lieder sitzen nach drei Mal, manche auch nach 30 noch nicht.“ Und Chorleiter Paul ist resolut: „Er hört alles“, lacht Andreas. „Ich finde das gut, denn das Ergebnis ist toll.“
Nicht zu vergessen die Aktivitäten abseits der Bühne: Ein Höhepunkt ist für die Chormitglieder die jährliche Fahrt ins Wendland. Dort proben sie und nehmen an Workshops teil, etwa für Rhythmus und Atmung. „Wichtig ist das gesellige Beisammensein an den Abenden“, sagt der Vorsitzende. Übrigens: Wenn Andreas mal nicht singt, engagiert er sich im Kulturverein Papenteich – oder spielt Saxophon: „Aber ich übe viel zu wenig.“ Da hat Taktlos eben Vorrang.
Sonntag, 13. September
Ev.-luth. Kirchengemeinde
Schulstraße 9, Wendeburg
Sonntag, 20. September
Goldene Konfirmation
St. Nikolaus, Groß Schwülper
Sonntag, 29. November
Adventskonzert
St. Nikolaus, Groß Schwülper