KURT stellt 3 Fragen
Drei Fragen an Sabrina Janesch (41) aus Gifhorn: Literatur hat die Aufgabe, Ambivalenzen einzufangen
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 26.08.2026
Wenn sie schreibt, dann mit größter Hingabe für Wort und Figur: Die Gifhorner Autorin Sabrina Janesch stellt sich KURTs drei Fragen.
Foto: Jana Mai
Wer bin ich? Wer will ich sein? Und kann ich jenes Ich-Kostüm einfach so abstreifen, von dem ich immer gedacht habe, es würde mich gut kleiden? Das sind die Fragen, die viele Figuren von Sabrina Janesch beschäftigen. Die gebürtige Gifhorner Schriftstellerin – inzwischen wohnhaft in Münster – ist eine Meisterin im Umgang mit dem Wort; ihre Bücher sind so lebendig, als würde man einen Flecken Rasen aus dem Boden rupfen und beobachten, wie Regenwürmer und Ameisen aus ihm herausklettern. Ihr neues Buch „Territorium“ erscheint am 4. September im Rowohlt-Verlag, für eine Lesung kommt Sabrina Janesch am 23. September, 19.30 Uhr, in ihre Gifhorner Heimat zu Bücher Nolte.
Sabrina, kann ein gutes Buch ausschließlich aus guten Figuren, guten Absichten und Happy Ends bestehen?
Ein Buch kann grundsätzlich aus allem Möglichen bestehen – wenn es aber wirklich ein „gutes“ Buch sein soll, dann leider nicht. Das Menschsein, und die Kunst, sitzt in der Ambivalenz, in Zwischenräumen, Nuancen und in einem großen Spektrum von Schattierungen. Nicht einmal das Gute ist ausschließlich „gut“ – meistens wird es erst dazu, indem es sich vom „Schlechten“ abhebt. Wir brauchen also mindestens zwei Seiten – im Idealfall noch viel, viel mehr. Diese Ambivalenz, diese Kakophonie einzufangen, ist Aufgabe der Kunst, der Literatur – und unsere Aufgabe als Mensch ist es, jene Ambivalenzen auszuhalten. Schon immer, aber heutzutage ganz besonders.
Hast Du Lieblingswörter, die Du unheimlich schätzt, aber noch nie in einer Geschichte verwendet hast, weil der richtige Zeitpunkt noch fehlte?
Ganz ehrlich: wohl kaum! „Territorium“, der Roman, der jetzt im September erscheint, ist mein insgesamt sechster Roman, ich meine, da gab es schon viel Frei- und Spielraum.
Deine Geschichten spielen in Schlesien, Peru oder auf Hawai’i. Findet sich überall auch eine Spur Gifhorn wieder? Können Orte sich gleichen – oder sind alle einzigartig?
In vielen meiner Geschichten, meiner Romane findet sich das Thema Heimat, vielfach auch das Thema Identität und Zugehörigkeit. Und da ich ja in Gifhorn geboren und aufgewachsen bin, bildet es sicher eine Folie für mich, einen Hintergrund. Als biografischer Anker ist es ja gar nicht wegzudenken. Vielleicht ist es eine Art emotionales „Besteck“, mit dem ich hantiere, wenn ich meine Romane schreibe. Und ja, dann wandert wohl auch ein Stückchen Gifhorn mit nach Peru – oder Hawai’i.
Im Kampf zwischen Freiheit und Unterwerfung
Hawai‘i 1893: Noch wiegen sich Kokospalmen im Wind, stehen Regenbögen am Himmel, da braut sich ein Sturm zusammen. Amerikanische Großkapitalisten stürzen in einem Staatsstreich die Königin und bereiten die Annexion durch die USA vor. Die Gifhorner Autorin Sabrina Janesch erzählt bildgewaltig von drei Frauen im Kampf zwischen Freiheit und Unterwerfung.
Sabrina Janesch: Territorium, 480 Seiten, Rowohlt-Verlag, 26 Euro (E-Book: 21,99 Euro), ISBN 978-3737102544