Kopfüber
Die leeren Löcher des Kratzbaums in der Wand: Ganz plötzlich vermisst unser Kolumnist Malte Schönfeld den Leihkater
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 25.07.2026
Gleich morgens schon kommt der Kater und stupst den Autoren mit seiner Nase an. Die Welt hätte so heile sein können, wäre da nicht die schreiende Hitze gewesen.
Foto: Malte Schönfeld
Sauber und wollmausfrei so gut es geht. Geordnet bis zur neurotischen Akkuratesse, Buch für Buch, Hemd für Hemd. Der Alltag so schlank und straight forward als würde man Orden dafür bekommen. Wenig lässt sich beanstanden an meinen Abläufen, das normale, harmlose Allerweltsleben.
Drei Wochen lang ist Kater Paschulke mein Gast gewesen. Und wie in einem schrillen Pixar-Film, aus dem Grundschulklassen geschlossen Ein-Liter-Getränkebecher mit Werbeaufdruck nach Hause nehmen, um sie unausgewaschen im Regal stehen zu haben, ist der Trubel groß.
Eigentlich weiß ich gar nichts über Katzen. Nie eine als Haustier gehabt, nie eine gewollt. Was fressen sie? Wo schlafen sie? Wann kann man mit ihnen Gassi gehen? Keine Ahnung. Umso lebenswichtiger, dass die Besitzer vor der Abreise nach Sizilien eine Art Code of Conduct geschrieben haben:
• Paschulke, 17 Jahre, Bluthochdruck, Magenprobleme.
• Er zuckt beim Trinken am Napf mit den Vorderpfoten, niemand weiß, wieso.
• Er hustet manchmal, was klingt, als würde er sterben, bitte beobachten.
• Er beißt manchmal, wenn ihm was zu viel ist.
Daneben hielt das Pärchen jedoch süße Hinweise im Kater-Codex fest. Paschulke isst gerne frisches Brot, mag das Geräusch von Regen, er zerreißt auf dem Boden gerne Zeitschriften.
Es dauerte etwas, bis wir uns aneinander gewöhnten. Ich baue ihm zwei Katzenklos auf, drei Trinkstationen plus kleinem, stets plätscherndem Springbrunnen. Am ersten Abend verwechsele ich glückliches Schnurren mit röchelndem Atmen und bin panikbefleckt schon halb am Hörer, um den Tierarzt aus dem Biergarten zu klingeln. Tags darauf kaufe ich ihm Katzengras, was er gleich hochwürgt und auf dem würfelgemusterten Parkett verteilt.
Auch baue ich ihm einen fabrikneuen Kratzbaum auf, der bis unter die Decke reicht, befestige ihn mit zwei Schrauben in der Wand. Von zwei komfortablen Plattformen aus hätte er gut den Ausblick auf die Straße genießen können, königlich den Bau einer Schule und die lahmen Kassierer im Biomarkt überwachen können. Doch Paschulke möchte nicht. Stattdessen schnarcht der dicke Kater auf meinem Sofaplatz, der unberührte Kratzbaum ist nur Deko.
Was allerdings echte Sorgen bereitet, sind die Temperaturen. 30 Grad, 34, 33, 33, 31 – nachts ist‘s nie kälter als 18 Grad. Tropisch. Und der Senior ist ganz abgekämpft und erschöpft. Im Mitternachtsgrau sitzen wir auf dem Balkon, ganz leise, allmählich beruhigt sich sein Atmen. In karierte Küchentücher eingewickelte Akkupads liegen in der ganzen Wohnung aus. Paschulke tut mir leid, dieser kleine Racker.
Der Kater und ich sind in der Zeit ein starkes Team geworden. Wenn ich ihn morgens oder abends kraulen soll, stupst mich seine Nase an und er guckt aus den kleinen Schlitzen. Dann legt er sich wieder hin. 20 Stunden Schlaf am Tag, vor allem bei der Höllenhitze: Wer will ihm das verübeln?
Nach drei Wochen sind unsere gemeinsamen Momente vorerst vorbei und die Besitzer zurück. Irgendwie fehlt mir der Rabauke. Manchmal bin ich jetzt ganz traurig ohne das Klappern des Futternapfs, und dann schaue ich in die zwei leeren Löcher in der Wand vom Kratzbaum.