Klimakrise & Klimaschutz

Zwischen Hass und Gemeinschaft: Gifhorns Kämpfer gegen die Klima-Krise

Solveig Böhme Veröffentlicht am 22.11.19
Zwischen Hass und Gemeinschaft: Gifhorns Kämpfer gegen die Klima-Krise

Ende Oktober rief die „Fridays-For-Future“-Ortsgruppe Gifhorn zu einer Demonstration am Freitagnachmittag auf – jetzt sind sie mit den Planungen für den globalen Klimastreik am 29. November befasst.

Foto: Çağla Canıdar

Ein Rekordsommer jagt den anderen, zunehmende Naturkatastrophen, tauender Permafrostboden, ein steigender Meeresspiegel: Seit rund einem Jahr geht die „Fridays-For-Future“-Bewegung auf die Straße mit dem Ziel, genau das zu ändern und den menschengemachten Klimawandel zu stoppen – weltweit und auch in Gifhorn.

Angefangen hat in Gifhorn alles erst so richtig mit der ersten Demonstration der noch frischen Fridays-For-Future-Ortsgruppe. Die Schüler konnten es erst kaum glauben, als sie im März mehr als 600 Teilnehmer zählten. Beim Gründungstreffen kurz zuvor saßen nur knapp zehn Personen zusammen – ohne großen Aufruf, einfach nur im kleinen Kreise mit der Hoffnung, etwas Großes zu starten. Quasi aus dem Stand hatten sie es mit dem Klimaschutzprotest zur größten Demonstration in Gifhorn seit Jahren geschafft. Sie stehen für mehr Klimaschutz, fordern Politik, die nicht auf Kosten ihrer Zukunft geht, und drängen auf das Einhalten des 1,5-Grad-Ziels, das sich die internationale Gemeinschaft im Pariser Klimaabkommen gesetzt hat.

Auch Finja Lynek (15) aus Gifhorn und Jennifer Zauter (15) aus Schönewörde sind „seit der ersten Demo dabei“. Jennifer freute sich sehr über das Zusammenfinden der Ortsgruppe. Sie hatte schon zuvor nach einer Möglichkeit gesucht, sich bei Fridays For Future einzubringen; und das war die Chance. Finja war bis zum Sommer oft als Teilnehmerin dabei – sowohl in Gifhorn als auch beim internationalen Sommerkongress in Aachen. Bei einer Fahrradtour der Gifhorner Fridays-For-Future-Gruppe wurde sie schließlich angesprochen und gefragt, ob sie sich künftig nicht selbst an der Organisation beteiligen möchte. Und plötzlich waren die beiden mittendrin.

Seit dem Anfang habe sich in der Gifhorner Gruppe einiges verbessert: Die wenigen, die für viele Aufgaben zuständig gewesen seien, wurden immer mehr entlastet. „Seit ein paar Wochen haben wir Arbeitskreise. Wir beide sind im AK Pressearbeit und sprechen auf Demos mit Reportern...“, erzählt Finja, schaut sich in der KURT-Redaktion um und lacht, „und machen sowas wie hier.“ Daneben gibt es die Arbeitskreise Aktionen, Social Media sowie Logistik – und ab Dezember einen Arbeitskreis Forderungen. In den Plenen – die in etwa monatlich stattfinden – wird alles geklärt, was darüber hinausgeht. Alles soll gemeinschaftlich und möglichst basisdemokratisch laufen. Jeder, der möchte, ist eingeladen. Alter spiele dabei keine Rolle, betonen Jennifer und Finja. Trotzdem kommen überwiegend Jugendliche. Im Sommer gründete sich zusätzlich „Parents For Future Gifhorn“. „Es ist gut zu wissen, dass auch volljährige Menschen uns unterstützen“, erklärt Finja. „Die Parents nehmen uns Arbeit ab. Zum Beispiel werden sie in Zukunft die monatlichen Critical Mass organisieren“, stimmt Jennifer zu, auch wenn sie unterstreicht, dass die Jugendlichen trotz dessen täglich aktiv sind. „Wir machen das ja ehrenamtlich. Wir schwänzen ja nicht jeden Tag und haben auch Verpflichtungen.“

„Das Miteinander ist essenziell für Fridays For Future.“ Das heißt für Finja nicht nur gut zusammen arbeiten zu können, sondern es auch gerne zu tun. „In unserer OG ist es stark zu bemerken, wie gut es passt. Es gibt immer ein Thema, über das wir reden können, und so haben sich inzwischen auch Freundschaften gebildet“, führt Jennifer den Gedanken weiter. Besonders wichtig ist den Jugendlichen deshalb auch vor jeder Demonstration zu betonen, dass sie keine Plattform für Rassismus, Sexismus oder Homophobie bieten wollen. Bei der 48-Stunden-Mahnwache in den Herbstferien hing eine Regenbogenflagge neben der von Fridays For Future, während zusammen auch mal ein Kartenspiel gespielt wird – ein sehr symbolisches Bild für das gelebte Miteinander. Der soziale Charakter der Gruppe ist deutlich zu spüren.

Nicht nur Schülerinnen und Schüler demonstrieren bei Fridays For Future für Veränderungen in Politik und Alltag.

Foto: Çağla Canıdar

In den vergangenen Monaten hat Fridays For Future Gifhorn immer wieder für multimedialen Wirbel gesorgt. Ihre Aktionen sind vielseitig. Sie fangen an mit Demonstrationen für mehr Klimaschutz während sowie außerhalb der Schulzeit. Monatlich machen sie mit einer Critical Mass auf die Interessen von Fahrradfahrern aufmerksam. Auch „Die-Ins“ gehörten schon dazu: Dabei legten sich die Jugendlichen als tote Klimaopfer auf den Boden des Rathaus-Flures, so dass sie von den Politikerinnen und Politikern auf dem Weg zur Stadtratssitzung nicht übersehen werden konnten. Bereits Wochen zuvor verteilten sie Klimazeugnisse an die Kandidaten der Gifhorner Bürgermeisterwahl. Ein Zero-Waste-Picknick – also möglichst müllfrei – fürs Orga-Team gab es auch schon. Zuletzt hielten die Gifhorner zudem eine 48-Stunden-Mahnwache auf dem Marktplatz ab, um ihr Durchhaltevermögen zu betonen sowie die Zeit für verschiedene Vorträge und Aktionen zu nutzen. Und im Oktober setzten sie mit einer Tauschbörse ein Zeichen für nachhaltigeren Konsum. „Wir wollen möglichst viele Leute ansprechen, deswegen machen wir so viele kreative Aktionen“, erklärt Finja. Sie sind mal vor-, mal nachmittags, mal in der Woche, mal in den Ferien oder am Wochenende unterwegs. „Die Leute sollen sich außerdem nicht an die Freitagsdemos gewöhnen.“

Auch wenn Planungen und Öffentlichkeitsarbeit zu großen Teilen durch digitale Vernetzung und Social Media geschehen, kommt das positive Feedback meist persönlich. Das Highlight von Jennifer und Finja war ungeschlagen der globale Klimastreik im September, der in Deutschland unter dem Motto „Alle fürs Klima“ stand. Laut „Global Climate Strike“, dem Projekt zur Streikwoche, gingen weltweit 7,6 Millionen Menschen auf die Straße. Und in Deutschland mehr als irgendwo sonst. 1200 Demonstranten waren laut FFF Gifhorn vor Ort dabei. Für unsere verhältnismäßig kleine Stadt ein großer Anteil der 1,4 Millionen Demonstranten in Deutschland, von denen Fridays For Future Deutschland spricht. „Es ist Bestätigung, man merkt, das bringt was. Die Begeisterung und Resonanz der Leute waren ein Highlight“, kommt Finja ins Schwärmen. „Vor allem, dass es so viele Menschen waren, war sehr cool“, stimmt Jennifer zu.

Doch das Feedback ist nicht durchweg positiv. Konstruktive Kritik sei nicht nur erwünscht, sondern auch oft eingefordert, erklären Finja und Jennifer. Im Verhältnis ist diese aber eher selten. Denn ein Großteil der negativen Resonanz seien Beschimpfungen und das Vorhalten von Klischees. Von Gesicht zu Gesicht haben sie das vor allem bei der 48-Stunden-Mahnwache in den Herbstferien zu spüren bekommen. Wie aus dem Nichts wären die Kinder und Jugendlichen unter anderem als „Drecksschweine“ bezeichnet worden. Bei einem früheren „Die-In“ vor einer Ratssitzung hätten selbst Mitglieder des Gifhorner Stadtrates abschätzige Kommentare von sich gegeben: „So jemandem kann man doch nicht mehr helfen. Da hilft nur noch drauftreten“, habe ein Ratsmitglied laut einem 16-jährigen Teilnehmer der Aktion gesagt. Die Mehrheit des Hasses komme jedoch digital, vor allem über Facebook: Beleidigungen, Hetze und der vermehrte Vorwurf der Instrumentalisierung durch die Politik oder Greta Thunberg. Gerade bei der von Fridays For Future Deutschland geforderten CO2-Steuer musste Finja oft Vorwürfe hören. „Die Forderung nach mehr Steuern“ komme „doch von oben“, versucht sie den Gedankengang zu rekonstruieren. Auch Jennifer hat schon Diffamierungen wie „Gretajünger“ hören müssen. Sie sind sich sicher, dass hinter solchen – für die beiden völlig absurden – Sprüchen fehlende Auseinandersetzung steht: Wer sich mehr mit den Hintergründen dieser Forderung beschäftige, könnte auch auf einer angemessenen Sachebene darüber reden.

Um mit dem ihnen entgegenschlagenden Hass besser umgehen zu können, haben sich die Jugendlichen bei ihrer 48-Stunden-Mahnwache einen Vortrag über „Hate Speech“ (zu deutsch: Hassrede) angehört. In ihrem Umgang damit fühlen sie sich nun sicherer, sagen Jennifer und Finja. Mit einer Selbstverständlichkeit reden sie über selbst erlebte Beleidigungen, Unterstellungen und Diffamierungen, die vergessen lässt, dass der Großteil der Aktivisten sehr jung ist. Neben Jugendlichen, in Gifhorn meist zwischen 14 und 17 Jahre alt, richtet sich dieser Hass schließlich auch gegen Kinder.

Generell sehen die beiden bei den Meinungen über Fridays For Future eine zunehmende Polarisierung. „Man merkt, dass es in zwei Hälften unterteilt ist: Pro und Contra FFF. Es gibt kaum noch Leute, die uns gegenüber neutral eingestellt sind“, stellt Jennifer fest. Sie sei sich der Bestätigungskultur um sich herum bewusst, aber den gesuchten Dialog mit der Contra-Seite könnte man nur schwer führen, da zu oft lediglich Beleidigungen kommen würden.

„Nicht nur die großen Städte können was bewegen. Wir haben die Möglichkeiten und viel Land.“ Aus dieser Intention ist laut Jennifer die Ortsgruppe erst entstanden. Und für die fährt sie auch gerne jedes Mal rund 25 Minuten mit dem Zug von Schönewörde nach Gifhorn. Inzwischen haben die Jugendlichen aus dem ganzen Landkreis Gespräche mit Politikern fast aller in Gifhorn vertretenen Parteien geführt. Obwohl sie ihre Ziele als Ortsgruppe darin sehen, auf das dringende Aufhalten des menschengemachten Klimawandels aufmerksam zu machen, und es nicht als „die Aufgabe der Jugendlichen“ sehen, aktiv Dinge zu ändern, sind sie auf diesem Feld aktiv. So halfen sie bei einem Arbeitseinsatz zur Erhaltung des Großen Moores, säuberten die Fußgängerzone und den Schlosssee bei einer selbst organisierten Müllsammelaktion und stehen nun vor ihrem nächsten Herzensprojekt: Mit gesammelten Spenden soll am Schlosssee eine Streuobstwiese entstehen. Beim Pflanzen der Bäume spiele die Symbolkraft eine Rolle, so Finja und Jennifer. Aber auch die Vorstellung, dass sich jeder dort Obst nehmen könnte, gefällt den Aktivistinnen. Annette Siemer, Sprecherin der Stadtverwaltung, bestätigt auf Nachfrage, dass es noch in diesem November so weit sein soll. Der genaue Termin stand bei KURTs Redaktionsschluss noch nicht fest – dieser müsse noch abgestimmt werden, da auch Aktivisten von Fridays For Future Gifhorn beim Pflanzen der
20 Obstbäume mithelfen wollen, so Annette Siemer.

Die Gifhorner Aktivisten sind Teil eines großen Ganzen: Nachdem Greta Thunberg sich im Oktober 2018 das erste Mal in der Schulzeit vor das schwedische Parlament setzte, kamen international Mitstreiter dazu. Sie ist für viele zur Symbolfigur der Bewegung geworden. Jennifer und Finja ist es aber wichtig, mit Klischees aufzuräumen: „Sie ist eine Anfängerin, keine Anführerin“, stellt Jennifer fest. „Jede OG spricht für sich selbst.“

Kundgebung auf dem Schillerplatz: Swana Kilian spricht bei der Demo von Fridays For Future Ende Oktober in Gifhorn.

Foto: Çağla Canıdar

Was Finja ärgert, ist der generelle Vorwurf, keine echten Klimaschützer zu sein. „Vor allem als Teenager ist es nicht immer möglich, in allen Bereichen klimaneutral zu leben. Man kann von uns nicht erwarten, Engel zu sein.“ Mehrmals wurde ihnen schon geraten, ihre Handys wegzuwerfen und erst danach weiter zu demonstrieren. Jennifer und Finja finden das albern: Es wäre wichtig, das Beste zu geben – nicht perfekt zu sein.

Auch auf den Vorwurf, nur zu schwänzen, kommen die beiden zu sprechen: „Schwänzen war für die Aufmerksamkeit, jetzt haben wir das nicht mehr unbedingt nötig“, entgegnet Jennifer. „Jeden Freitag fehlen – das geht einfach nicht.“ Finja stimmt zu: „Manche Fächer hat man nur freitags“, und gerade im Abitur sei es nicht einfach, beides unter einen Hut zu bekommen. Die internationalen Streiks finden trotzdem weiterhin vormittags statt. Das gesamte Engagement geht aber weit über die Demos hinaus: „Wir sind jeden Tag aktiv“, fügt Jennifer noch hinzu – und damit ist das Vorurteil Schulschwänzer für die beiden abgehakt.

Nach mehr als einem Jahr Fridays For Future und acht Monaten Ortsgruppe Gifhorn steht die Frage im Raum, was bereits erreicht wurde. Finja ist sich sicher: „Wir haben es geschafft, die Klimakrise zu einem Mainstream-Thema zu machen, dem man sich nicht mehr entziehen kann.“ Die Diskussion um den Klimawandel sei präsenter geworden und ist heute allgegenwärtig; in Jennifers Augen schon ein großer Erfolg.

Für die Zukunft nehmen sich die Jugendlichen einiges vor. Im Fokus steht der nächste globale Klimastreik am 29. November unter dem Hashtag und Motto „Neustart Klima“ – Demonstration und Programm sollen dann auch in Gifhorn viele Mitstreiter aller Altersklassen anlocken. Die Planungen dafür laufen schon seit über einem Monat. „Wie stecken da viel Arbeit und Liebe rein“, überlegt Finja. „Sehr viel Arbeit und sehr viel Liebe“, korrigiert Jennifer lachend. Die Vorfreude der beiden ist deutlich zu spüren. Gerade mit Blick auf den vorherigen Klimastreik Ende September, bei dem die Ortsgruppe Gifhorn 1200 Teilnehmer zählte, stehen auch Hoffnungen im Raum: Diesen Erfolg noch einmal zu toppen erklären Jennifer Zauter und Finja Lynek zu ihren Träumen für Gifhorn – und sie sind sich sicher: „Das wird super!“

Diesen Artikel verfasste KURTs Praktikantin Solveig Böhme (17) aus Gifhorn. Sie ist selbst in der „Fridays-For-Future“-Ortsgruppe Gifhorn aktiv und hat das Thema zum Anlass genommen, die Bewegung, zu der sie sich selbst zählt, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Globaler Klimastreik:
„NeustartKlima“
Freitag, 29. November
10.30 Uhr, Schillerplatz, Gifhorn