Kopfüber-Kolumne

Wir brauchen eine neue Wende

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 09.11.19
Wir brauchen eine neue Wende

Den Mauerfall in Berlin hielt der Pädagoge Wolfgang Schwenke aus Wesendorf mit seiner Kamera fest. Seine Schüler und er waren gerade zufällig dort - ihre Klassenfahrt führte sie in die geteilte Stadt.

Foto: Wolfgang Schwenke

Am 09. November ist es so weit. Luftschlangenalarm, die Fete des Jahres, Sektstimmung in ganz Deutschland. Zum 30. Mal jährt sich der Mauerfall, viel trefflicher weil mythischer: die Wende. In der Mercedes-Benz-Arena führt RTL-Moderatorindarstellerin Inka Bause durch den Abend, angekündigt haben sich Pop-Titan Roberto Blanco, der König von Mallorca Dieter Bohlen und Partybär Jürgen Drews. Oder wie war das nochmal? Ist ja prinzipiell auch egal, hoch die Tassen, allez hopsasa, Schlips um den Kopf und ab geht die Lutzi.

"Die Grenze ist offen - jetzt wird gesoffen!" Ein historischer Moment, den Wolfgang Schwenke da festhielt. Prost!

Foto: Wolfgang Schwenke

Sowas muss gebührend gefeiert werden, schließlich wird die Wende nur einmal 30. Muss die dann eigentlich auch fegen, oder wie stellt man sich das vor? Nilpferd-Kostüm an, Baileys-Klopfer im Backenzahn und per Live-Stream vor der East Side Gallery die Kronkorken schrubben. Ist auch eine stattliche Zahl, 30. Da waren die Größten schon über den Jordan. Hendrix, Joplin, Cobain, Morrison, Winehouse in An- und Abführung, weil irgendwie ist die ja jetzt nicht so ganz groß. Da kann man schon mal alle zusammentrommeln und die Puppen tanzen lassen. Die Wende, huiuiui, ein kumpeliger Schulterschlag, Mensch, bist Du groß geworden, lachen, erzähl doch noch mal, wie war das damals?, die Ossis hatten ja keine Jeans, weeeßte, haha, war ja nicht alles schlecht, toller Zusammenhalt, ne, in die Akten konnt ich dann echt nicht schauen, neues Leben aufbauen, ganz von vorn, schon schwierig auch gewesen. 30 Jahre her jetzt also.

Mit der Wende verbindet man gemischte Gefühle. Ich bin ein bisschen neidisch drauf, als 1992-geborener diesen Tag nicht live miterlebt zu haben. Der Kniefall von Willy Brandt, die 68er-Revolte, Mauerfall, Michael Jackson hält sein Kind aus dem Adlon-Fenster – alles Momente, die kollektiv deutsch sind, das Deutsch-Sein auch ausmachen. Der Kniefall ein Moment der vollkommenen Entschuldigung, die 68er mit dem Sartre‘haften Aufbegehren der Vernunft, der Mauerfall das reine Glück.

Unzählige Trabis fuhren durch die geöffneten Grenzübergänge - und Wolfgang Schwenke aus Wesendorf hat's im November '89 fotografiert.

Foto: Wolfgang Schwenke

Das erstaunliche am 09. November ist aber ja, dass da nicht nur der Mauerfall war. Auch der schwarze Fleck der deutschen Seele hat nämlich Jahrestag. 81 Jahre wird der, quasi der Opa, da muss man also etwas klarer sprechen, damit das auch verstanden wird. Reichspogromnacht. Vom 07. November 1938 zogen damals für mehrere Tage in Zivilkleidung kostümierte SA- und SS-Männer durch die Straßen, zerstörten jüdische Friedhöfe, brannten Synagogen ab, Hunderte Juden wurden ermordet, noch mehr in Konzentrationslager verschleppt. Es sollte den Eindruck erwecken, als würde der sogenannte Volkskörper aufstehen und sich zur Wehr setzen. Es war die symbolische Vorstufe zu dem, was später dann industriell-abgerichtet in den Gaskammern vollzogen wurde. 8696 Menschen in einem Vergasungsdurchlauf in Auschwitz. Mehrmals am Tag durchführbar. Nun mag man sich denken, dass das ja schon ganz schön lange her ist. 81 Jahre. Könnte man mal Gras drüber wachsen lassen. Wie lange gilt so eine Schuld eigentlich? Ich würde sagen: ein Kniefall und bis in alle Ewigkeit.

Vielleicht sollten wir aufhören, am 09. November die Wende zu feiern, sondern lieber der Toten gedenken. Genau dasselbe gilt für den 09. Oktober, an dem Stephan B. schwerbewaffnet in Halle zu Jom Kippur in eine Synagoge eindringen und eine Massenschlachtung an den dort betenden Juden vollziehen wollte. Auch wenn ihm das nicht gelang, mussten zwei Leute sterben.

Ungläubig stutzt der Grenzer. Seine Nation gibt's schon bald nicht mehr.

Foto: Wolfgang Schwenke

Rechtsradikalismus, Rechtsextremismus und Rechtsterror haben in den vergangenen Jahren zugenommen, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Menschen, die hermetisch abgeriegelten Weltverschwörungstheorien nachjagen, die sogenannte Umvolkungsmythen verbreiten und sich eigenständig militarisieren, sind unser Problem. Die Gewalt in der Sprache, Hetzjagden auf Ausländer, Morddrohungen gegen demokratische Politiker, Sozialarbeiter und Aktivisten, brennende Flüchtlingsheime, Menschen in Angst.

Wir brauchen eine neue Wende.