Kopfüber-Kolumne

Über Gifhorner Dummheit: 100 E-Roller und eine Stadt dreht durch

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 25.07.2021
Über Gifhorner Dummheit: 100 E-Roller und eine Stadt dreht durch

Wie kann man nur so dumm sein? Das fragt sich KURT-Kolumnist Malte Schönfeld angesichts der Nörgeleien veränderungsscheuer Gifhornerinnen und Gifhorner.

Foto: Çağla Canıdar

Wie kann man nur so dumm sein?

Diese Frage ploppte bei mir im Kopf wie ein Adblocker auf und belegte kurz alles. Wie, um alles in der Welt, kann man nur so dumm sein? Sie mögen sich nun stirnrunzelnd denken: Wen meint er denn da? Ich meine Sie, liebe Gifhornerinnen und Gifhorner.

Seit Anfang Juli ist es in unserer Stadt möglich, einen E-Roller auszuleihen. Der Anbieter Bolt stationierte dafür 100 Fahrzeuge, die Stadtverwaltung begrüßt dieses Engagement. Für unseren Bürgermeister Matthias Nerlich sind die Share-Flitzer ein kleiner Baustein „einer zukunftsorientierten Mobilität“, ähnlich dem Modellprojekt, das Fahrräder in der Fußgängerzone erlaubt.

Kurze Wege sollen die E-Roller ermöglichen, gefahren wird auf Radverkehrsflächen – wenn man sich denn an die Regeln hält. So muss man für die Kurzstrecke nicht auf das Auto zurückgreifen, verstopft keine Straßen und sucht keine Parkplätze. Jeder, der zur Rush-Hour schon mal die Braunschweiger Straße befahren hat, weiß, was da manchmal los ist: die Hölle. Stop-and-go, abwürgen, Bahnschranken.

Schon in Braunschweig und Wolfsburg platzierte Bolt seine Roller. Erst kamen die Kaputtredner, dann wurde es still. Heute sieht man den Anzugträger zum kleinen Café pesen, zum Bahnhof. Junge Paare, eng umschlungen, fahren in die sommergrünen Parks, durch die Viertel mit den Altbauwohnungen. Zu zweit auf den E-Rollern zu fahren ist nicht erlaubt. Darf man aber auch bei Fahrrädern nicht. Gemacht hat es trotzdem jeder. Der E-Roller hat binnen eines Jahres das alltägliche Stadtverkehrsbild fortentwickelt.

In Gifhorn nun dieselbe Diskussion. Das Nörgeln und das Quengeln. Wie kann man nur so dumm sein und etwas verteufeln, was man selbst noch nicht ausprobiert hat? Man Gifhorn, gib Dir mal etwas mehr Mühe.

Natürlich sind es nicht alle Gifhornerinnen und Gifhorner, die nun wie im Tobsuchtsanfall in die Tasten hauen. Es ist eine kleine Meute. Und doch ist es typisch. Diejenigen, die unsere Stadt verschlafen nennen, pennen am längsten. Diejenigen, die sich mehr Leben in unserer Stadt wünschen, siechen am meisten dahin. Und diejenigen, die auf unsere Stadt am lautesten schimpfen, haben keine Antworten.

Man könnte die E-Roller konsequent für das kritisieren, was sie sind: nicht die beste Alternative. Die ökologisch bessere Antwort auf zu viele Autos und Abgase sind noch immer Fahrräder. Auch wenn ein E-Roller beim Fahren kein CO² ausstößt, seine Ökobilanz ist aufgemotzt. Die Herstellung der Lithium-Ionen-Batterien, das Re-Chargen, die schlechte Bezahlung der sogenannten Juicer, die häufig in der Nacht arbeiten müssen – könnte man alles sezieren.

Die Nörgler und Quengler fürchten sich allerdings vor etwas anderem: dass die E-Roller im Weg rumliegen. Gott, Gifhorn, Du bist so peinlich. Komischerweise beschwert sich auch niemand darüber, dass Autos überall in der Gegend rumstehen. Laut dem Statistik-Portal Statista sind in Deutschland zu Jahresbeginn 48,25 Millionen Autos gemeldet – trauriger Rekord. Angesichts des Klimawandels kann man da nur festhalten: Wir haben den Schuss nicht gehört. Der Deutsche und sein Auto – eine ganze Nation objektophil.

Wenn ich unseren Bürgermeister durch unsere Stadt fahren sehe, dann oft nicht in einem Auto. Ich sehe ihn meist auf dem Fahrrad. Deswegen kaufe ich ihm und der Stadtverwaltung das Mobilitätskonzept ab. Kleine Schritte mit dem Fahrrad. Oder ab jetzt auch kleine Schritte mit dem E-Roller. Gifhorn ist kein Amsterdam und kein Kopenhagen, kann aber mehr.

Am Ende zeigt sich aber auch immer wieder: Die Dummheit mancher Gifhornerinnen und Gifhorner ist überbordend. Ihr seid mehr im Weg als ein E-Roller.