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Über die Sozialstunden - KURT Kolumnist Malte Schönfeld erinnert sich an seinen sozialen Pflichtdienst in der Lebenshilfe Gifhorn

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 04.08.2022
Über die Sozialstunden - KURT Kolumnist Malte Schönfeld erinnert sich an seinen sozialen Pflichtdienst in der Lebenshilfe Gifhorn

Foto: Pexels

In meiner Jugend habe ich Lehrerinnen und Lehrer des Otto-Hahn-Gymnasiums beleidigt. Wann genau, weiß ich nicht mehr, aber man konnte meine Unzufriedenheit und die Risse in der Schüler-Lehrer-Beziehung anhand der Wortwahl doch recht deutlich erkennen.

Natürlich habe ich den Betroffenen diese Dinge nicht an den Kopf geworfen. Ich habe sie in das Prä-Facebook-Medium IRC-Galerie geschrieben. Und die Lehrerin einer anderen Schule hatte das mitbekommen und gemeldet. Also wurde ich eines Tages aus dem Unterricht gezogen und in das Büro der Schulleiterin gebeten. Zitternd und weinend saß ich da. Die Schulleiterin schob mir eine Akte rüber mit Ausdrucken der Gruppen-Chats. Markiert waren meine Einträge. Die Sache war klar.

Die Beleidigungen gingen derart weit, dass kurz eine Anzeige im Raum stand. Davor hatte ich echte Angst. Und vor der Strafe. Freundlicherweise sahen die Betroffenen davon ab. Was es dafür gab: eine Klassenkonferenz. Die Hälfte meiner Lehrer stimmte gegen mich, die andere für mich. Entscheidend war die Stimme des Chemielehrers, den ich beleidigt hatte. Er glaubte an mich, ich durfte bleiben. Dennoch bekam ich Sozialstunden aufgebrummt. In den Sommerferien sollte ich sie für mehrere Wochen in der Lebenshilfe Gifhorn ableisten.

Ich kam in eine spezielle Gruppe von ungefähr zehn Personen, sie alle hatten mindestens eine Beeinträchtigung, manche drei oder vier, dazu kamen zwei Gruppenleiter. Eine Frau popelte am laufenden Band, nie zuvor hatte ich jemanden so viel popeln sehen – dass sie überhaupt noch eine Nase hatte. Wenn sie auf die Toilette ging, sollte ich ihr dabei helfen. Sie stand dann da, mit heruntergelassener Hose und Schlüpfer, also nahm ich Toilettenpapier und machte ihren Hintern sauber. Kann ja nicht so schwierig sein, dachte ich mir. Dein Hintern, mein Hintern – was macht das für einen Unterschied? Ein jeder sollte das Recht auf einen sauberen Hintern haben. Während meine Freunde am Tankumsee in der Sonne lagen, wischte ich also einer Frau den Arsch ab.

Besonders gern mochte ich einen jungen Mann, der nur wenige Jahre älter war als ich. Motorisch war bei ihm alles verloren gegangen, gelähmt saß er in einer Rollstuhl-Sonderanfertigung. Ich fütterte ihn in der Kantine. Ich stellte fest: Manches Essen schmeckte ihm vorzüglich, da war er ganz aus dem Häuschen. An anderen Tage verzog er das Gesicht noch mehr als sonst. Das kannte ich von zu Hause.

Meine Gruppenleiter – ein langhaariger Typ mit einer schiefen Wirbelsäule und ein Anarcho, der die Pogo-Partei Deutschland unterstützte – nahmen mich freundschaftlich auf. Es war ein Leichtes, mich in der Lebenshilfe zurechtzufinden. Die Tage waren klar strukturiert, es gab Sportunterricht und wöchentlich zweimal ein Entspannungsangebot mit Traumreise-Musik und gedimmtem Licht. Einmal döste ich ein bisschen weg.

Nachdem ich meine Sozialstunden abgeleistet hatte, fingen für mich endlich die Sommerferien an. Was ich in der verbliebenen Zeit unternahm, weiß ich heute nicht mehr. An die Aufgaben in der Lebenshilfe erinnere ich mich dagegen noch genau. Ich denke, dass es eine entscheidende Erfahrung war. Wie man auf Leute blickt, die auf Unterstützung angewiesen sind, wie man sich selbst zurücknimmt, um anderen zur Seite zu stehen.

Mir fällt das alles jetzt nur wieder ein, da Bundespräsident Steinmeier laut über einen sozialen Pflichtdienst nachgedacht hat. Wenn es nicht wieder auf eine Wehrpflicht hinauslaufen soll und die Kohle stimmt, sollte man mindestens mal darüber nachgedacht haben. Dieses eine Jahr können Arbeit und Uni noch warten.