KURTs Gastro-Serie

Svens Schützenwiese: So schmeckt Heimat

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 19.09.19
Svens Schützenwiese: So schmeckt Heimat

Genuss-Schreiber Malte lässt sich Pfifferlinge, Omelett und Bratkartoffeln – wichtig: mit Zwiebeln – munden.

Foto: KURT

Im dritten Teil unserer Serie wählten KURT-Feinschmecker Malte und seine Begleitung Svens Schützen-Wiese am Gifhorner Schützenplatz aus. Traditionelle norddeutsche Küche steht dort im Vordergrund, handfestes Essen wie bei Omma, mit ähnlich viel Liebe zubereitet. Neben den zahlreichen und berühmten Schnitzel-Variationen und einer großen Weinkarte – die diesmal unberührt blieb – ist in der Schützen-Wiese zuvorderst der angenehm vielseitige Mittagstisch hervorzuheben.

Mit Gastwirt Sven Wiese teile ich eine gemeinsame Vergangenheit an den Außenrändern des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sven ist niemand, dessen Handynummer ich im Telefonbuch eingespeichert habe oder dem ich jedes Jahr zum Geburtstag eine liebe Karte aus Gran Canaria schicke. Ich weiß ja nicht mal, wie alt er ist. Dennoch kennen wir uns seit über 20 Jahren. Denn als ich damals bei der SV Gifhorn das Fußballspielen anfing, 1997 als Dreikäsehoch mit Zahnstocherbeinen, leitete Sven die Sportgaststätte, etwas später als das „SVen‘s“ betitelt. Nach den Heimspielen der Herrenmannschaft sammelte ich mit einem Freund die leeren Getränkegläser ein, Sven überreichte uns dafür feierlich ein Eis unserer Wahl. Meistens wählte ich das Mister Long von Eskimo in rot und weiß, und noch heute ist dieser Lutschspaß in meiner Erinnerung 50 Zentimeter lang. Etwas später hielt ich mit einem anderen Freund eigene Einheiten ab, um unsere Schusstechnik zu verbessern. Anschließend holten wir uns immer ein „Fahrradgetränk“ und eine „Fahrradpommes“. Am Ende verbrachte ich viel Zeit damit, auf der Bank zu sitzen und der Mannschaft dabei zuzugucken, wie sie Spiele gewann. Auch da war Sven dann ein Gönner, denn nach jedem Sieg spendierte er einen Tower Havana-Cola. Im Grunde auch nur eine Form von Fahrradgetränk.

Das Pfirsich-Carpaccio sorgt für eine leichte Erfrischung hinten raus.

Foto: KURT

Jetzt, wo ich die Schützen-Wiese betrete, weiß ich also nicht ganz genau, warum ich hier nach dem Umzug nie vorher war. Es könnte daran liegen, dass der Schützenplatz für mein Leben nicht unbedingt ein Knotenpunkt ist. Andererseits habe ich es doch damals geliebt, zur Bundesliga-Konferenz in der Sportgaststätte ein Schnitzel Wiener Art oder eine klassische Curry-Pomm zu ordern. Deswegen, ja alleine schon deswegen ist das hier eine gute Idee. Dinge wieder aufleben lassen. Ich fische mir den neuen „Spiegel“ vom Zeitschriftenstapel, doch in diesem Moment schlendert bereits meine Begleitung in das Etablissement. Keine Zeit für Bildung, mein Magen knurrt eh wie ein Rottweiler, wobei wir noch kurz über ein Bild von Marcel Reich-Ranicki mit Fly-Emirates-Schlafmaske lachen.

Meine Begleitung ist öfters hier, das wird schnell ersichtlich. Die Bedienungen pflegen ein sympathisches Du, und da ich ja Kindheitserinnerungen mühsam zusammenpuzzeln will, bitte ich zutiefst von einem umständlichen Sie abzulassen. Das stört den öffentlichen Diskurs in meinen Augen ohnehin. Was dagegen gar nicht stört, ist der Mittagstisch, denn entgegen der bisherigen Besuche treffen wir uns diesmal bereits zu viel früherer Stunde.

PFIFFERLINGSZEIT – das steht in großen, weißen Kreide-Lettern auf die Schiefertafel am Eingang geschrieben. Das passt sich gut, denke ich mir, denn nachdem ich die SPARGELZEIT kläglich verpasst habe, will ich wenigstens jetzt en trend sein. Meine Entscheidung fällt auf die Pfifferlinge in Rahmsauce, dazu Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Petersilie und einem Omelett, ebenfalls eine Coke Light. Da meine Begleitung in der Schützen-Wiese gewöhnlich ein und aus geht, bekommt sie ein individuelles Mahl aus Ofenkäse, Reis und Tomaten-Paprika-Sauce angeboten, dazu eine Kirschschorle.

Als Appetizer kommt ungefragt – was nicht mehr allgemeingültig ist – für jeden ein kleiner Teller mit Eisbergsalat, Paprika, Gurke, Tomate und hausgemachtem Dressing, für mich eine Hochzeitssuppe, für meine Begleitung eine Tomatensuppe. Wieder etwas von früher, denn auch bei der SV Gifhorn bestellte ich sicherlich zehn Hochzeitssuppen pro Jahr. Sie ist noch immer eines meiner Lieblingsgerichte, Liese-Oma aus Ahnsen sei Dank. Und das ist auch eine der großen Stärken der Schützen-Wiese, wird mir klar: das rigorose Abfeiern von Niedersachsen. Bei Sven schmeckt man unser norddeutsches Tiefland, klassisches Essen, Gerhard-Schröder-Wahlkampf-Basisarbeit, Sauerfleisch, auch Matjes und die salzige Küstenluft von Cuxhaven, 14 verschiedene Schnitzelvariationen, ehrliche Ernte mit dem Trecker, die große Weide in der Dorfmitte, würzige Pfeffersauce, das Hirschgeweih in der Kneipe an der Hauptstraße.

Ehrliche Ernte mit dem Trecker auf dem Teller: Svens Schützen-Wiese feiert Niedersachsen richtig hart ab.

Foto: KURT

Der Hauptgang lässt bei mir dann keine Wünsche offen. Die Pfifferlinge sind knackig, die Rahmsauce ist ideal zum Eintunken der Bratkartoffeln, wobei jeder vierte, fünfte Würfel etwas krosser ist als der Rest. „Genau so liebe ich das!“, mache ich meine Begleitung darauf aufmerksam. Das Omelett, auf dem noch eine Tomatenscheibe thront, lässt mich wie ein Krabbenfischer fühlen, der spätabends von seinem rostigen Kutter kommt, Schwielen an den Händen hat und morgen wieder früh raus muss. Passend dazu trage ich heute ein Hemd in Matrosen-Optik. Die Zwiebeln runden das Essen herrlich ab (ich hätte auch noch Speck dazu haben können, lehnte aber dankend ab), denn Bratkartoffeln ohne Zwiebeln sind undenkbar.

Meine Oma sagt immer, Eis passe immer noch rein, und obwohl ich nach diesem Festmahl mit mir ringe, wähle ich zum Nachtisch ein Pfirsich-Carpaccio an leckerer Fruchtsauce mit einer Kugel zerschmelzendem Vanilleeis. Die beiliegenden Preiselbeeren und der Pfirsich geben dem bisher deftigen Essen einen wohltuenden Kick, das Ausmaß unseres Mittagstischs bekommt damit eine leichte Erfrischung hinten raus, um im Tag weiterzumachen, voranzukommen, anzuknüpfen, jetzt kann man was schaffen.

Die Schützen-Wiese erweist sich als meine erhoffte Rückbesinnung. Ein Rencontre mit meinem Kinder-Ich, was die Hochzeitssuppe angeht. Die Bratkartoffeln, die mich an die Bundesliga-Konferenz in Svens Sportgaststätte erinnern. Das Omelett, was wir damals im Freunde-Urlaub an der Nordsee zubereitet haben. Ohne jeden Zweifel empfehle ich jedem, der Niedersachsen mal wieder schmecken möchte, hier einzukehren. Allen anderen auch. Vielleicht ist genau das für mich Heimat. Ja, so schmeckt meine Heimat.

Svens Schützen-Wiese
Celler Straße 30, Gifhorn
Mo. - Fr. 9 bis 14 Uhr
sowie 16.30 Uhr bis Ende
Sa. 9 Uhr bis Ende
So. 9 bis 15 Uhr