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Amadeus Junker aus Meinersen ist Orgelbauer mit Leib und Seele

Joachim Voß Veröffentlicht am 15.11.19
Amadeus Junker aus Meinersen ist Orgelbauer mit Leib und Seele

Historisches Juwel: Aus der Barockzeit stammt diese Orgelpfeife, die nach einer Restaurierung durch den Or- gelbauer Amadeus Junker aus Meinersen wieder einsatzfähig wäre.

Foto: Joachim Voß

Das Problem kennen viele Jugendliche: die Qual der Wahl, wenn es um die Berufsausbildung geht. Selbst denen, die sich zumindest schon mal entschieden haben, etwas Handwerkliches zu machen, bleiben viele Optionen: vielleicht Schreiner, Schmied oder Schlosser, Installateur, Elektriker, Feinmechaniker oder Schuster? Oder doch was ganz anderes: Architekt oder Musiker? Vor dieser Wahl stand Amadeus Junker mit 14 Jahren. Und weil er sich partout nicht festlegen mochte, entschied er: „Dann lerne ich halt einfach alles!“

Orgelpfeifen jeder Größe aus einer speziellen Zinn-Blei-Legierung, so auch diese Prinzipal 8‘-Pfeife, stellt Amadeus Junker an der seiner Werkbank her.

Foto: Joachim Voß

Auf den Beruf, der das ermöglicht, stieß der gebürtige Südafrikaner in Hagen, wohin seine Eltern mit ihm inzwischen umgezogen waren. Dort beobachtete er in einer Kirche – Amadeus’ Vater war Pastor – den Aufbau einer Orgel. Das faszinierte ihn so sehr, dass er mit einer Lehre zum Orgel- und Harmoniumbauer begann. Das bedeutete: Praxis bei einer Firma im Raum Hannover und zwei Mal sechs Wochen pro Jahr Theorie in Ludwigsburg, denn für diese seltene Ausbildung gibt es nur eine einzige Schule in ganz Deutschland.

Nach diesem anspruchsvollen Studium Generale erwarb er den Meisterbrief und machte sich in Meinersen selbständig, wo er im Gewerbegebiet eigens eine große Werkstatt baute. „Das war nicht leicht, denn ich musste quasi in alle Bereiche wie Tischlerei, Schlosserei, Klempnerei und so weiter investieren. Am Anfang lief es auch ganz gut, doch ein paar Jahre später traten nach der Einführung des Soli die Leute zu Tausenden aus der Kirche aus, und plötzlich hatten die Gotteshäuser kein Geld mehr für Reparaturen – schon gar nicht an den Orgeln“, erinnert sich Amadeus Junker. Um laufende Kosten zu senken, reduzierte er sich auf Werkstatträume hinter seinem Meinerser Wohnhaus, in dem er mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebte, und hatte fortan wieder ein gutes Auskommen.

Heimarbeit: Stück für Stück, so die Zeit es zulässt, restauriert Amadeus Junker in seiner Werkstatt in Meinersen eine Kirchenorgel aus den 70er Jahren.

Foto: Joachim Voß

Seine gute Auftragslage ist, trotz des Sparkurses der Kirchen, zum einen dem Umstand zu verdanken, dass der Meinerser Orgelbauer in einigen Bereichen seines Fachs – etwa bei der Intonation und dem Pfeifenbau – als absoluter Spezialist in der Branche bekannt ist und auch dafür, dass er ausschließlich Originalmaterial verwendet und exakt an das historische Vorbild angelehnt arbeitet. Zum anderen erlebt die Orgelmusik in Deutschland zurzeit eine Renaissance. Besonders beliebt sind Konzerte in Kirchen mit Orgeln berühmter Hersteller – von Gottfried Silbermann und Arp Schnitger bis hin zu Rudolf von Beckerath. Deshalb wächst die Nachfrage nach den Spitzenkräften wie ihn stetig, so dass er mindestens 30 Wochen pro Jahr zum Restaurieren von Kirchenorgeln in ganz Deutschland unterwegs ist – inzwischen auch oft gemeinsam mit seiner Frau –, den Rest des Jahres verbringt er in seiner Werkstatt. Dort kann er Pfeifen vom Kugelschreiber-Format bis zu dreieinhalb Metern Länge bearbeiten. Bei längeren Exemplaren weicht er auf die Räume einer befreundeten Firma in Lübeck aus.

Getreu dem Motto, dass das Glück dem Tüchtigen helfe, stieß Amadeus Junker jüngst auf einen Zufallsfund: „Als ich mal eine Orgel in Lörrach restaurierte, sprach mich die Küsterin auf Orgelpfeifen an, die jemand irgendwo entdeckt hatte. Ich schaute mir den Fund an, und siehe da: Es handelte sich um eine fast komplette Orgel mit rund 400 noch ganz gut erhaltenen Pfeifen aus dem 19. Jahrhundert“, freut sich Amadeus Junker. Das wird wohl eine Arbeit für lange Winterabende zwischendurch sein, denn an Aufträgen und tollen Ideen für innovative Events mit Orgelmusik mangelt es dem Meinerser Allround-Talent bestimmt nicht.