Trauer-Tattoo-Ausstellung in Gifhorn

Diese Ausstellung zeigt Menschen, denen der Tod unter die Haut geht

Christoph Peter Ehrlich Veröffentlicht am 30.10.19
Diese Ausstellung zeigt Menschen, denen der Tod unter die Haut geht

Projektinitiatorin Karla Feldmann (von links), Teilnehmerin Lisa Scherf, Fotograf Marius Peine und Projektbegleiter Stefan Mühlstein bereiten die Trauer-Tattoo-Ausstellung in Gifhorn vor

Foto: Michael Uhmeyer

Einen geliebten Menschen zu verlieren, stellt uns jedes Mal vor ungeahnte Herausforderungen. Die Bewältigung der Trauer, der Abschied, die Erinnerungen: Jeder braucht seine ganz eigene Zeit, jeder geht anders damit um, aber doch jedem geht es unter die Haut. Manchem sogar mehr als nur sprichwörtlich: Trauer-Tattoos gewinnen an Beliebtheit. Der Hospizverein Gifhorn möchte Menschen aus unserer Region, deren Trauer-Tattoos und die Geschichten hinter den gestochenen Bildern ab Februar 2020 in einer Ausstellung präsentieren. Karla Feldmann hat das Projekt initiiert.

Das Leben beginnt mit der Geburt. Und damit einhergeht auch der Tag des Todes. Noch im Mutterleib ist der Mensch ganz wundervoll geschützt vor der Außenwelt, vor Gefahren, vor den erwachsenen Themen. Dann aber prasselt alles auf uns ein: das Licht, die Stimmen, die Gerüche, die ersten Küsse. Später folgen die ersten Geh- und Sprechversuche. Alles saugen wir wie ein Schwamm in uns auf.

Wir plappern vor, wir plappern nach. Aber nicht alles wird uns erzählt. So gab es die gesellschaftliche Entwicklung, dass der Tod aus unserem Leben verbannt werden sollte. Das traditionelle Aufbahren in der Wohnstube oder dem Schlafzimmer des Verstorbenen wurde outgesourct. Das Älterwerden wurde immer mehr in Heimen organisiert: Der Versuch, ein unangenehmes Thema aus dem eigenen Leben zu verbannen, einen gesunden Abstand dazu zu bekommen. Dabei jedoch führt genau dieser Abstand auch zu einer emotionalen Barriere, die schwerer wird zu durchbrechen. So besteht die Arbeit der Ehrenamtlichen des Gifhorner Hospizvereins nicht nur darin, Sterbende und deren Angehörige zu begleiten, sondern auch das Thema Tod selbst wieder ins Gespräch zu bringen, und so die aktive Auseinandersetzung damit zu fördern.

„Ich möchte der Person, die verstorben ist, Raum geben“, erklärt Christiane Lehmann, Vorstandsmitglied des Hospizvereins Gifhorn. Auf diese Weise könnten die Angehörigen des Verstorbenen einen bewussten Umgang finden, Gefühle und Gedanken leichter greifen. „Der Umgang mit dem Tod ist vielfältig. Wir wissen nie, was uns beim ersten Besuch der zu Begleitenden erwartet.“ Emphathie und Flexibilität sind hierfür gute Begleiter der Begleiter.

Tattoos zur Trauerbewältigung: „In der Schulung zur Kindersterbebegleiterin wurde uns eine besondere Art des Umgangs mit Trauer präsentiert“, resümiert Karla Feldmann. Die Idee der Wanderausstellung „Trauer-Tattoo – Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ hat sie sofort begeistert. Nicht nur wollte sie die Ausstellung nach Gifhorn holen – auch wollte sie die Ausstellung mit Geschichten aus unserer Region erweitern. „Nur so, dachte ich, kann das Thema auch wirklich nah gebracht werden: Wenn es Menschen aus unserer Umgebung sind, vielleicht sogar der eigene Nachbar.“

Gemeinsam mit Kindersterbebegleiter Stefan Mühlstein startete Karla Feldmann einen Aufruf bei Facebook. Binnen kürzester Zeit erhielten sie mehr als 30 Rückmeldungen. „Mit einem solchen Andrang hatte ich gar nicht gerechnet“, gibt Karla zu. Es wurde zu einer logistischen Herausforderung. Einverständniserklärungen, Termine, Interviews und Foto-Sessions mussten koordiniert werden. Viel Zeit gab es für all das nicht. Auch zogen sich einige der Freiwilligen wieder zurück. Schließlich ist solch ein Tattoo – mehr noch die Geschichte dahinter – sehr intim.

„Mit dem Thema Tod wurde ich schon ganz früh konfrontiert. Man sollte immer über das Thema sprechen, denn es ist normal“, appelliert Lisa Scherf (25), die selbst dem Aufruf gefolgt ist. „Wenn wir den Tod als etwas Harmloses betrachten können, so gelingt es uns, ihm den Schatten des Bösen, des Unbekannten zu nehmen.“

Lisa Scherf sieht Trauer inzwischen als etwas Positives und war sofort von der Ausstellungsidee begeistert. So half sie nach den Interviews die Fragebögen der Teilnehmer in einen Fließtext zu übertragen – und ihre weitere Unterstützung des Projektes sagte sie auch schon zu.

„Insgesamt wurden elf Interviews mit Menschen aus Gifhorn und Umgebung geführt“, berichtet Stefan Mühlstein – der Grundstein für die Trauer-Tattoo-Ausstellung in Gifhorn ist also gelegt. „Besonders durch die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, ist mir noch mal klar geworden, was das Leben für ein Riesengeschenk ist. Es geht in der Hospizarbeit nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Unterstützt wurde das Team des Gifhorner Hospizvereins vom Hobbyfotografen Marius Peine. Die entstandenen Fotos sowie die Geschichten wurden bearbeitet und auf Banner und Leinwände gedruckt.

Im Februar ergänzen die berührenden Geschichten die Trauer-Tattoo-Ausstellung im Gifhorner Mehrgenerationenhaus im Georgshof. Während der Ausstellung haben Besucher direkt vor Ort die Möglichkeit, sich ein kleines Tattoo zaubern zu lassen: am Samstag, 8. Februar, von Anna Bukowski (Tattoo Overkill, Gifhorn) und am Sonntag, 9. Februar, von Mike Hoppe (Magic Tattoo, Schöningen). Beide Tätowierer möchten mit den Einnahmen den Hospizverein Gifhorn und seine Arbeit unterstützen, so die Organisatoren. Und wenn die Ausstellung abgebaut ist, sollen die Banner mit den Fotos und Geschichten der Trauer-Tattoos an Schulen und anderen Orten in unserer Region gezeigt werden und so Barrieren zu den Themen Tod und Tattoos brechen.