Kolumne: Kopfüber

Über den Supermarkt in der Adventszeit

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 24.12.19
Über den Supermarkt in der Adventszeit

Über den Supermarkt in der Adventszeit.

Foto: Fotolia

Die Adventszeit ist – und darauf hat sich Hollywood mit sich selbst und dadurch für die ganze Welt geeinigt – eine Periode reinen Glücks, in der man für alles ausbezahlt wird, was man während des Jahres so dem Leben geliehen hat. Familie und Freunde kommen zusammen, eine kleine Krise wird überwunden, am Ende gelacht und dann der Braten angeschnitten. Große Kinderaugen packen die Geschenke aus, hier ein Spielzeug, da ein Kuscheltier, oh, eine Drohne, wie schön. Wenn ich an Weihnachtseinkäufe denke, sehe ich immer Hugh Grant durch ein verschneites New York hasten, er trägt einen langen Lodenmantel und einen Rollkragenpullover und eine schwarze Papptüte in der Hand, seine Locken bouncen auf und ab, jetzt noch schnell zum Juwelier, um den gravierten Verlobungsring abzuholen, danach in die Mall, denn es ist nun wirklich kurz vor knapp, weil Cecilia doch noch die feinen Gewürze für die Apfel-Maronen-Zwiebelfüllung des Truthahns benötigt.

Gleicht man diese Vorstellung mit der Norddeutsches-Tiefland-Realität ab, bleibt davon nicht mehr viel übrig. Bereits an der Pfandrückgabe im Rewe steht man nur allzu ungerne mit 50 Flaschen, man spürt im Nacken förmlich den Laserblick derjenigen, die nur mal eben schnell reinhuschen wollten und jetzt den Anschlusstermin verpassen. Da hilft es dann auch nicht, wenn man den fertigen Bon links neben der Maschine in die Brot-für-die-Welt-Plastikbox schiebt, um so zu tun, als würde man den Entwicklungsländern im Kampf gegen Armut zur Seite stehen. Einfacher ist es da, wenn um die Weihnachtszeit mal wieder Haiti von einem Erdbeben heimgesucht wird oder ein Tsunami über Sri Lanka fegt. Da kann man ganz in Ruhe vom Fernseher aus zu- und damit viel leichter wegsehen.

Fraglich ist auch, weshalb Mitte Dezember überhaupt noch Adventskalender angeboten werden dürfen. Kauft doch eh keine Sau! Aufgestapelte Riesenpyramiden versperren seit Wochen den Weg ins Ladeninnere und gleichzeitig die Sicht auf wichtige Angebote im Obst- und Gemüsebereich. „Der Männerkalender“ mit einer irrwitzigen Auswahl an BBQ-Saucen, der Star-Wars-Kalender als der letzte Beweis, dass der Kapitalismus auch wirklich funktioniert, daneben irgendwas Teures von Lindt, wo man beim Kauen eines jeden Schokoladenstücks mit dem Preisetikett abgleicht.

Schafft man es dann doch zum Herz des Supermarkts, breitet sich die schreckliche Fratze bürgerlicher Angeboterei aus. 55-jährige Halbglatzen in kurzärmligen grauen Pink-Floyd-Tour-1994-Shirts wiegen dann per Augenmaß 20 Kilo Hack ab und lachen sich den Arsch über die Bio-Produkte weg. Die Tochter im Wagen, so früh schon so zurückgeblieben, ein schrecklicher Anblick, mit Armen so dick, dass sie aus dem Hello-Kitty-Rüschenkleid quillen und aussehen wie zwei Kalbsleberwürste, griffelt währenddessen am Brokkoli eines fremden Einkaufswagens herum. Dann wieder Schokolade, wohin man auch sieht. Ganze Berge, Meere, Täler, Universen voller Schokolade, Zucker, Zucker und noch mal Zucker, die Chips sind seit Wochen im Angebot, Hauptsache kaufen, fett werden, ja, ein Fest der Fettleibigkeit, wo man schon zum Nikolaus so viel in sich reindrischt, dass am 1. Weihnachtsfeiertag gar nichts mehr geht, Food-Koma, der Mensch ein Monument der Dekadenz.

Kurz vor der Kasse noch der obligatorische Blick in die Tiefkühltruhe. Heute mal eher nicht, danke, dafür kurz durch die Zeitschriften geblättert, schöner Satz von Woody Allen im Playboy-Interview: „Ich habe vor Jahren mal eine Schlagzeile über mich gelesen, die hieß: ,Es gibt keine interessanten Storys über Woody Allen.‘ Das fasst mein Leben ganz gut zusammen.“ So kann man sich zum Fest der Liebe natürlich auch belügen.

Draußen vor dem Markt spricht mich dann der Clochard an, der hier jeden Tag sitzt: „Großer, hast Du noch mal ein bisschen was?“ Ich gebe ihm zwei Euro und frage mich, wie viel Hugh Grant gegeben hätte.

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