Musik

Joscha Bassanello rockt mit Gun Called Britney die ganz großen Bühnen

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 27.09.19
Joscha Bassanello rockt mit Gun Called Britney die ganz großen Bühnen

Wir wollen abliefern“: Für den Bandcontest basteln Gun Called Britney an einer brennenden Gitarre.

Foto: Nola

„Moin“, sagt Joscha Bassanello abends zur Begrüßung. Ganz klar: Der Mann ist in Hamburg angekommen. Dort startet der Sänger zurzeit mit seiner Band Gun Called Britney durch – beinahe versehentlich zunächst, nun jedoch mit Anlauf. Dabei greift er auf Erfahrungen zurück, die er in Gifhorn mit The Trite machte: Diese Band spielte seinerzeit den Rock‘n‘Roll nicht nur, sie lebte ihn. Und zwar exzessiv! Womöglich bildet dies die beste Basis, um am 2. Oktober in der Großen Freiheit 36 das Finale des 34. Hamburg-Bandcontests zu bestehen. Und dann geht‘s vielleicht nach Wacken...

Das Wacken, also das vermutlich größte Heavy-Metal-Festival im gesamten Universum, könnte bereits im nächsten Jahr einen Slot für Gun Called Britney bereithalten. So weit ist das Quintett schon, sofern es bis dahin ein Album vorweisen kann. Und das alles ohne Label oder Agentur im Rücken, sondern ganz allein mit seiner puren Spielfreude, und das sogar erst seit September 2018. „Wir wollen auf große Bühnen“, bestätigt Joscha Bassanello auch das Ziel. Von dem die Band zunächst gar nicht wusste, dass sie es hat, aber wenn man schon mal unterwegs ist, kann man auch den ganzen Weg gehen: „Es läuft so gut, wir wollen keine kleine Spaßband mehr sein.“ Aus dem Hobby solle ein Zweitjob werden, die Musik professioneller als zu Beginn: „Wir sind jetzt Anfang 30, einer Ende 30 – das hat was von: jetzt aber richtig.“

The Trite war ihre erste Band: Damals kosteten Joscha Bassanello (Mitte) und seine Musikerkollegen das Rockstarleben in Gifhorn volle Kanne aus.

Foto: privat

St. Pauli bietet dafür einen fruchtbaren Nährboden: „Hier gibt es eine größere Zielgruppe, es sind mehr Rocker unterwegs“, erzählt Joscha. „Hier jagt man weniger dem Trend hinterher.“ Es gebe ohnehin an jeder Ecke Live-Musik: „Du kannst überall spielen, die Leute kommen, die sind eh da.“

Und damit legten Gun Calles Britney auch los: ungestümer Rock‘n‘Roll, dargeboten in Kiezkaschemmen rund um die Reeperbahn. „Wir haben angefangen, eigene Songs zu schreiben“, berichtet Joscha von den Anfängen. „Wir wollten ein Konzert machen und gucken: Kommt das an?“ Er nickt: „Ja, kommt es.“ Mit dem Ergebnis, dass die Organisatoren des Bandcontests von sich aus fragten, ob Gun Called Britney nicht eine Startposition beim Auftakt einnehmen würden. Für die Band eine Zwickmühle: „Das wollten wir nie“, so Joscha. „Das geht an unserem Verständnis vorbei, was Musikmachen bedeutet.“ Es gehe nämlich nicht um Konkurrenz und Gewinnen, sondern um den Spaß am Rock‘n‘Roll. Trotz der Bedenken betrat die Band also mit sieben anderen einen Club an der Reeperbahn, denn: „Das machen wir einfach, sagten wir uns, wir hatten keine Ambitionen, weiterzukommen“, zuckt Joscha mit den Schultern. „Und wir sind weitergekommen.“ Er sinniert: „Vielleicht war‘s genau das: Wir haben es einfach gemacht.“ Mit einer wichtigen Erkenntnis für die nächste Runde: „Besoffen nicht nochmal.“

Und gleich diese erste Runde bescherte Gun Called Britney dann auch noch einen Folgeauftritt am selben Abend, berichtet Joscha: „Der Inhaber hat uns gebucht, das Nachtkonzert zu geben.“ An dieser Anfrage erkannte das Quintett, dass sein Konzept offenbar ankam: „Das war für uns ein Aha-Effekt, das macht der Besitzer ja nicht einfach so.“ Zwar wollte der mit entsprechender Gage die Gruppe dazu verpflichten, fürderhin für ihn eine Coverband zu werden, doch das war nicht das Ziel des Quintetts: „Wir schreiben alle Songs selber.“ Und so verlief diese Versuchung im Sande.

Nicht aber die Sache mit dem Contest: Beim folgenden Halbfinale wurden Gun Called Britney Zweiter. Darüber staunt Joscha immer noch: „Erst hatten wir kein Ziel, dann dachten wir, in der Großen Freiheit spielen als Etappe wäre geil.“ Und als wäre das nicht schon grandios genug, ertönt schon die nächstgrößere Anfrage: „Eventuell sollen wir nächstes Jahr in Wacken spielen.“ Dafür jedoch soll die Band eine CD vorweisen, und die ist noch nicht in Aussicht, denn gegenwärtig liegen die Schwerpunkte woanders: „Wir wollen beim Bandcontest abliefern.“ Und das nicht nur musikalisch: Zum Beispiel bauen die fünf eine „brennend Gitarre“, indem sie eine Nebelmaschine in das Instrument verbauen, und legen sich „irre Klamotten“ zu. „Uns ist die Show extrem wichtig“, unterstreicht Joscha. Denn: „Passiert etwas auf der Bühne, passiert mehr vor der Bühne.“ Um sich zu perfektionieren, sieht sich die Band sogar Videos von ihren Auftritten an, wie eine Spielanalyse beim Fußball. „Je professioneller es wird“, stellt Joscha fest, „desto mehr Bock macht es.“

Los ging Joschas Leidenschaft für handgespielten Rock‘n‘Roll, als er als 16-jähriger Neudorf-Platendorfer von seinen Eltern einen Bass geschenkt bekam. Sein älterer Bruder spielte bereits Gitarre, sein jüngerer Schlagzeug, und zwar „wie ein Gott“, findet Joscha. Mit ihm gründete er die Band The Trite: „Wir haben angefangen im Kinderzimmer – wir waren Kinder“, erinnert er sich. „Aber das wurde unseren Eltern ziemlich schnell zu laut.“ Ersatz war flugs gefunden, aber auch der Spaß am Rock‘n‘Roll-Leben. Immer wieder flog die Band aus ihren Proberäumen heraus, weil sie die Gründe dafür Mal um Mal verschärfte. „In Gamsen ist es eskaliert“, erinnert sich Joscha, und erklärt vage: „Wir hatten Flausen im Kopf.“ Das bedeutete: „Wir wollten wie die Rockstars leben, mit aller Macht.“ Und dazu gehörten eben auch ein gesteigerter Alkoholkonsum und eine damit einhergehende Enthemmung: „Mir wurde von meiner eigenen Band das Bein gebrochen“, lacht Joscha und fügt hinzu: „Es war extrem, aber heute mache ich das ein bisschen anders.“

The Trite flogen zwar aus jedem Proberaum raus, spielten aber viele Konzerte, unter anderem auch schon in Hamburg sowie regelmäßig in Gifhorn im Flax, „das war unser Wohnzimmer“, so Joscha, und waren sogar Namensgeber des „Hip-Rock“-Festivals in der Stadthalle, das die vermeintlich entlegenen Lage Hip Hop und Rockmusik vereinte. Mit Volker Schlag veröffentlichte die Band eine EP und nahm danach in Wolfsburg Songs für ein Album auf, das aber nie veröffentlicht wurde. „Wenn ich die Songs heute höre, erkenne ich, das hatte Potenzial“, sinniert Joscha. „Aber wir hätten nicht so viel trinken sollen.“

Ausdrucksloses T-Shirt, Schlabberhose, Schuhe passend zur Gitarrenfarbe: The Trite rockten das Schulfest 2006 in Gifhorn. Wer erinnert sich nicht.

Foto: privat

Nachdem unter anderem Joscha für sein Studium nach Magdeburg gezogen war, bedeutete es für The Trite das Aus. „Die Distanz war für die Band zu groß“, erklärt er. „Und wir waren alle kaputt vom endlosen Feiern.“ Ohne Band ging es jedoch nicht, und schon nach kurzer Zeit war Joscha mit Smoke‘n‘Mirrors aktiv. „Das war auch cool“, erzählt er. Zwar kam die Band über die Stadtgrenzen von Magdeburg kaum hinaus, aber dafür war die Stadt wenigstens größer, und immerhin zu einigen Auftritten im lokalen Fernsehen reichte es. Doch auch diese Band brach wegen Wohnortwechsels auseinander, als Joschas Studium abgeschlossen war. Kuriose Koinzidenz: Einen der letzten Auftritte absolvierten Smoke‘n‘Mirrors in Hamburg auf der Reeperbahn, und just an diesem Abend lernte Joscha seine jetzige Freundin kennen, derentwegen er von Magdeburg nach Hamburg zog und das Ende der Band einläutete.

Zwischenstation: Seine Studentenzeit in Magdeburg verbrachte Joscha Bassanello aus Gifhorn mit der Band Smoke‘n‘Mirrors. Sie zerbrach.

Foto: privat

Ein Jahr lang versuchte Joscha hernach ein Leben ganz ohne Band. Unter Schmerzen: „Es ging mir dreckig“, erinnert er sich gequält. „Musik und Lärm fehlten mir – nur noch als Ingenieur arbeiten, ich hab mich spießig gefühlt.“ Zwar hat das Paar inzwischen Nachwuchs, doch: „Familie gründen, Haus bauen und so – ich fand es nicht erträglich, dass es bei mir auch so sein soll, dass ich nichts anderes mache als Arbeiten und Rasen mähen.“ Also versuchte er in Hamburg wieder Bands zu gründen – was sich jedoch als reichlich mühsam herausstellte: „Ich habe in zwei Bands gespielt, mit einer hatte ich sogar einen Auftritt, aber das war nichts, der musikalische Rausch hat gefehlt.“ In einem Hamburger Internetportal für Musikersuche stieß Joscha auf ein interessantes Inserat von einer Gruppe, die einen Sänger suchte und von der er ein Mitglied flüchtig kannte. Doch war er davon nicht so recht überzeugt. Als er die nächste Band anschrieb, landete er beim selben Inserenten: „Er hatte unter Fake-Namen 15 Bands inseriert, ich landete immer wieder bei ihm“, lacht Joscha. Irgendwann gab er dann nach, kam zur Probe – und fand es gut. Dann ging es schnell: „Wir gingen auf die Bühne“, erzählt er. Denn alle fünf teilen dieselbe Motivation: „Jeder von uns will alles oder nichts – es wenigstens versucht zu haben, darum geht es uns.“ Mögliches Scheitern mit einkalkuliert, denn: „Am Ende nichts“ sei immer noch „besser, als zu denken: Hätteste mal.“

Den Namen hat die Band Gun Called Britney übrigens tatsächlich genau daher: Von einer Pistole mit ebenjenem Namen, und die findet sich sogar in den eigenen Reihen. „Unser Gitarrist ist Polizist und nennt seine Knarre Britney“, erläutert Joscha. Viele bringen die Band daher mit Britney Spears in Verbindung: „Das ist nicht schlimm“, findet der Sänger, und setzt nach: „Ich werde auf dem Finale ein Britney-Spears-T-Shirt anziehen.“ Einflüsse hat die Popsängerin ansonsten keine auf die Gruppe, als solche kommen andere in Frage: Zusammenfassend sei als kleinster Nenner für alle fünf Guns n‘ Roses zu nennen, „die finden wir wohl alle geil“. Des Weiteren Mötley Crüe und die Beatles, „das hört man beim Gitarristen, nur eine Spur härter“, sowie die Rolling Stones oder Schwedenrocker wie die Hellacopters und Gluecifer. Meistens spielen Gun Called Britney also Rock, aber auch Balladen und Tanzbares: „Wir nutzen die Talente der Band“, jeder trägt etwas zum Stil bei.

Aktuell lebt Joscha Bassanello mit seiner Familie in Lüneburg, der Arbeit als Ingenieur wegen, derentwegen er nicht pendeln mochte. Zunächst: Denn weil es mit Gun Called Britney zurzeit so gut läuft, möchte er kürzere Probewege den kürzeren Arbeitswegen vor- und einen Umzug nach Hamburg in Betracht ziehen. Nicht nur deshalb: „Es ist schöner als Lüneburg.“ Aber vorher wird der Bandcontest gerockt. Und wer weiß, nach Wacken steht als nächst höhere Sprosse auf der Karriereleiter womöglich die Hauptbühne beim Gifhorner Altstadtfest in Aussicht...