Musik

Benefizkonzert mit Saratoga Seven: Sie jazzen in Gifhorn für Kinder und bieten Faschos die Stirn

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 02.12.19
Benefizkonzert mit Saratoga Seven: Sie jazzen in Gifhorn für Kinder und bieten Faschos die Stirn

Am Nikolaustag spielen die Saratoga Seven beim Nikolaus-Jazz im Trachtenhaus des Mühlenmuseums. Die Benefizveranstaltung unterstützt den Gifhorner Kinderfonds „Kleine Kinder – immer satt“.

Foto: Veranstalter

Mit 46 Jahren ist diese Band wohl eine der ältesten im Umkreis: Seit 1973 spielen die Saratoga Seven den Jazz wie in New Orleans. Sogar in New Orleans auf der Saratoga Street spielten sie ihn schon, und auch an diversen anderen entlegenen Orten der Welt. Davon erzählt Horst Popanda, der Gifhorner in der rekordverdächtig langlebigen Band, und auch vom anstehenden 4. Nikolaus-Jazz am Freitag, 6. Dezember, ab 19.30 Uhr im Trachtenhaus des Mühlenmuseums.

Den Mauerfall mit einer befreundeten Band aus der DDR feiern, auf der Fähre nach Schweden ein Konzert geben, nationalistischen Deutschen in den USA erfolgreich die Stirn bieten: Horst Popanda hat in seinen 34 Jahren als Mitglied der Saratoga Seven mächtig viel erlebt. Doch bevor der Gifhorner in die Vergangenheit blickt, deutet er in die Zukunft, nämlich auf den vierten Nikolaus-Jazz, den die Saratoga Seven in Folge ausrichten, jedes Mal zu Gunsten der Initiative „Kleine Kinder – immer satt“, einem Hilfsfonds der Stadt Gifhorn. „Wir spielen ein Jazz-Konzert mit Oldtime-Jazzstücken, amerikanischen und deutschen Weihnachtsliedern im Dixieland-Stil“, verspricht Horst.

Der Nikolaus-Jazz hat bereits eine Tradition, denn 15 Jahre lang gab es diese Benefizveranstaltung schon einmal mit verschiedenen Bands. Doch als sich die damaligen Bands auflösten, schlief die Veranstaltung ein, bis die Stadt Gifhorn sie kürzlich wieder zurück ins Leben rief. „Es ist immer sehr gut besucht“, freut sich Horst Popanda, nicht nur aus künstlerischen Gründen, denn das Eintrittsgeld ist für die Kinderhilfe bestimmt. Das gleiche Konzert geben die Saratoga Seven übrigens eine Woche später in Braunschweig, der Heimatstadt der Band: Am Samstag, 14. Dezember, spielen sie zum 38. Mal ihr Weihnachtskonzert, dieses Mal in der Milleniumhalle – nicht als Benefiz indes. Dabei liegt den Saratoga Seven der Benefizgedanke sehr am Herzen, betont Horst Popanda: „150.000 Euro haben wir insgesamt schon gesammelt und an verschiedene karitative Einrichtungen und für die Dritte Welt gespendet.“ Das Sommerkonzert „Jazz an der Oker“ am ersten August-Sonntag am Steigenberger-Hotel, dem früheren FBZ, in Braunschweig etwa ist bereits 34 Mal eine der Quellen für diese Summe gewesen.

Nun aber zu den anderen Abenteuern! Der 78-Jährige spielt seit 34 Jahren bei den Saratoga Seven Klarinette und Sopransaxophon und steuert Gesang bei. Zeit genug, um Aufregendes zu erleben. Etwa die zwölf Konzerte in Folge, die die Saratoga Seven in Schweden spielten, beim Stadtfest in Karlshamn, an dem lauter Bands aus den Ostsee-Anrainerstaaten teilnahmen, aus Russland und dem Baltikum – und der DDR. Mit dem Blamu-Orchester aus Weimar freundeten sich die Band-Mitglieder schnell an: „Blamu, das stand für Blasmusik“, erklärt Horst Popanda. „Die durften im Westen spielen“, erzählt er, und erinnert sich an den „Aufpasser“, den das DDR-Regime der Gruppe stets an die Seite stellte: „Der hat geguckt, dass alles richtig lief.“ Aus der Freundschaft mit dieser trotzdem fröhlichen Band folgte am 9. November 1989 ein denkwürdiges Ost-West-Erlebnis: Denn justament, als beide Gruppen ein gemeinsames Gastspiel in Salzgitter gaben, fiel die Mauer. „Das war ein Riesenfest“, sagt Horst. Das Blamu-Orchester gibt es heute zwar nicht mehr, aber die Band hat noch Kontakt zu einigen der Musiker. Nicht zu allen: „Als dann der Kapitalismus um sich gegriffen hat, haben einige andere Interessen entwickelt“, erzählt der Gifhorner süffisant.

Saratoga Seven: Der Gifhorner Horst Popanda (links) gehört schon seit 1985 zu der Jazz-Band.

Foto: Veranstalter

An die Konzerte in Karlshamn erinnert sich Horst Popanda auch aus anderen Gründen gern: „Wir waren die Gastgeber für Bier und andere Getränke an unserem Bandbus“, schmunzelt er. Denn die Alkoholpreise waren in Schweden schon damals exorbitant hoch. Auch die Überfahrten gestalteten sich stets unvergesslich: Die finanzierten sich die Saratoga Seven nämlich damit, dass sie auf der Fähre Konzerte gaben. In Karlshamn spielten sie ebenfalls nicht für Gage, sondern der Aufenthalt war kostenfrei für die Musiker.

Ganz ohne Flugkosten reisten die Saratoga sogar in die USA ein: Es gab Freiflüge für die Musiker und deren Ehefrauen dafür, dass sie in Hamburg und Düsseldorf Konzerte für eine Airline gaben. Selbstredend war New Orleans das wichtigste Ziel für die Band, liegt dort doch die Wiege der Musik, die sie bis heute spielt. Auch auf dem Mississippi und in Kenosha am Michigansee spielten sie, einmal mehr auf einem Schiff. Doch die Konzerte in der Bourbon Street in New Orleans, der wichtigsten Jazz-Meile der Stadt, bleiben für die Musiker die wichtigsten Stationen. Besonders das Lokal „Bei Fritzl“ hat einen wichtigen Platz in Horsts Erinnerung. Dieser Fritzl war nämlich ein Dortmunder, der sogenanntes „German Beer“ feilbot: „Er hat ein Glas randvoll mit Eiswürfeln gefüllt und dann Bier drübergekippt.“

Denkwürdig im unangenehmen Sinne war für die Band aber ein Konzert bei einem zunächst unverdächtigen „German Club“, wie es sie aufgrund der vielen Auswanderer zuhauf in den USA gibt. „Das war eine Gartenparty“, berichtet Horst Popanda, „und wir haben erst später gemerkt, dass der Club etwas rechts angehaucht war.“ Das äußerte sich etwa in speziellen Musikwünschen mit entsprechenden Liedern. Nicht mit den Saratoga Seven: „Wir waren erschrocken.“ Keine Frage, dass diese Wünsche unerfüllt blieben und der Auftritt eher kurz ausfiel. Doch die Musiker betonen, dass die übrigen Kontakte in den USA ausschließlich positiv waren: „Wir haben viele nette Bekanntschaften gemacht.“

Musikalische Reisen hatte Horst Popanda auch schon erlebt, bevor er bei den Saratoga Seven einstieg. Der gebürtige Hildesheimer, der ganz klassisch der Liebe wegen nach Gifhorn zog, hatte ab 1960 in Hildesheim, Braunschweig und Hannover in einigen Bands gespielt, darunter die „2.19“-Jazzband und der „Happy Jazz & Co.“. Die zweite Band unterhielt Kontakte zu einer Reisegesellschaft, die organisierte mit der Gruppe Flüge für Auftritte in Kenia, Sri Lanka, auf den Malediven und den Kanarischen Inseln. Diese Touren waren für den Musiker ausgesprochen abenteuerlich: „Auf den Malediven haben wir auf einer Insel gewohnt und wurden mit einem Fischerboot auf die benachbarten Inseln gebracht, auf denen wir aufgetreten sind.“

Und dann kamen für ihn ab Mitte der 80er die Saratoga Seven. Von der Urbesetzung der Braunschweiger Band ist heute allerdings niemand mehr dabei, bedauert Horst Popanda – in den meisten Fällen waren schwere Krankheiten die Ursache für die unfreiwilligen Besetzungswechsel. So leider auch aktuell: Das langjährige Bandmitglied Kuno Dzikowski musste aus gesundheitlichen Gründen seine Aktivitäten bis auf Weiteres einstellen, was seine Kollegen arg bekümmert. Für ihn stieg deshalb Jürgen Kauer aus Vechelde ein und übernimmt nun die Position an der Posaune.

Die weiteren Musiker sind heute: Bandleader und Schlagzeuger Joe Elsner aus Wolfsburg, an der Trompete und dem Flügelhorn Walter Kuhlgatz aus Tappenbeck, Bassist Mike Zadow aus Cremlingen sowie im Wechsel am Banjo entweder Jens Herrmann aus Meine oder Mathias Sorof aus Dahlum. Horst Popanda schmunzelt: „Wir heißen zwar Saratoga Seven, treten aber meistens zu sechst auf, weil der siebte Musiker, der Gitarrist, mit dem Banjospieler im Wechsel musiziert!“

Trotz der Schicksalsschläge lässt sich die Band nicht entmutigen, auch wenn es schwierig sei, jüngere Leute für die Musik zu begeistern: „Die wollen eher Rock-Jazz, Blues vielleicht.“ Aber die Saratoga Seven machen Dixieland-Jazz, „Musik aus den Roaring Twenties“, Charleston, Jazz bis in die 60er oder 70er, der später ein Revival fand, etwa mit Chris Barber, sowie Benny-Goodman-Swing oder Louis Armstrong. Die Musik mag oldschool sein, aber: „Wir verwenden die Titel und arrangieren sie neu“, erklärt Horst Popanda. Die Band hat mittlerweile ein Repertoire von rund 200 Jazz-Titeln.

Die Saratoga Seven wissen, dass sie „Oldtime-Jazz fürs Mittelalter und für ältere Leute“ machen, sagt Horst Popanda, denn die kennen die Stücke noch aus ihrer Jugend. Diese Resonanz ist für die sechs bis sieben Musiker ansteckend: „Das inspiriert uns – und es macht immer noch wahnsinnig Spaß!“ Kein Wunder, dass Konzerte der Saratoga Seven üblicherweise zwei bis drei Stunden dauern. Von Ruhestand ist bei den Herren daher keine Rede: „Wir spielen immer noch 25 bis 30 Konzerte pro Jahr.“ Zu denen zu ihrer Freude sogar regelmäßig auch ein kleiner Fan-Kreis anreist.

Nikolaus-Jazz mit Saratoga Seven:
Freitag, 6. Dezember
19.30 Uhr, Einlass ab 18.30 Uhr
Trachtenhaus im Mühlenmuseum
Bromer Straße 2, Gifhorn
Eintritt: ab 10 Euro
Ticket-Vorverkauf: Sparkasse
Schlossplatz 3, Gifhorn