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FleshTric: Das brutale Metal-Duo mit Gifhorns Lars Conrad und dem Ex-Gifhorner Marco Schrieber veröffentlicht seine erste EP

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 13.03.2021
FleshTric: Das brutale Metal-Duo mit Gifhorns Lars Conrad und dem Ex-Gifhorner Marco Schrieber veröffentlicht seine erste EP

FleshTric: Marco „Papa Gore“ Schrieber (links) gibt den Sänger, Lars Conrad spielt die Instrumente und produziert. In diesem Jahr haben die beiden Metaller aus Leidenschaft ihre erste EP in Eigenregie veröffentlicht.

Foto: Privat

Sich seit fast zehn Jahren nicht zu sehen, 300 Kilometer voneinander entfernt zu leben – und trotzdem eine Band zu gründen: So geht das heute, dank Internet und trotz Corona. FleshTric heißt dieses frische Groovemetal-Duo und darin stecken die Namen der zwei Gifhorner Bands, mit denen die beiden Akteure zwischen 1990 und 2000 die Metal-Szene aufmischten: Gastric Ulcer und Fleshdance. Multiinstrumentalist Lars Conrad weckte Sänger Marco „Papa Gore“ Schrieber im Sommer aus seinem Dornröschenschlaf, seitdem schicken sie sich Musik- und Video-Dateien hin und her – und arbeiteten so an der Veröffentlichung ihrer ersten EP „MuSick To Be Murdered By“. Musikalisch und inhaltlich nichts für schwache Nerven!

Marco hat aber auch ein Organ. Schon wenn er spricht, füllt seine Stimme wohltönend Räume aus, aber wenn er im Sinne seiner Musik growlt, macht er jedem Bass Konkurrenz. Und jedem unbedarften Hörer Angst. Dabei ist er – wie so häufig in solch abseitigen musikalischen Spielarten – ein ausgesprochen offener und umgänglicher Mensch. Auch wenn man sich die Musik von FleshTric anhört, die komplett aus Lars‘ Studio kommt, kann man sich ebenso wenig vorstellen, was für ein herzlicher und kommunikativer Familienvater dahintersteckt. Und weil Lars dieser Tage gern zu Hause an Mucke herumbastelt, erinnerte er sich jüngst an die gemeinsame Zeit mit Marco und fragte erst sich und dann ihn, was er heutzutage so treibe, so da drüben in Essen – die Initialzündung zur Gründung des dynamisch groovenden Zwei-Personen-Extrem-Metal-Projektes FleshTric. „Wir gehen an die 50“, erklärt Lars. „Jetzt geht es richtig los.“

Die Songs, die Lars und Marco für die EP einspielten, sind dabei teilweise 20 Jahre alt – also aus der Zeit, als sie mit dem gemeinsamen Musizieren bei Fleshdance aufhörten. „Die haben wir aufgenommen, aber nie veröffentlicht“, erzählt Marco. Lars ergänzt: „Und nie live gespielt.“ Marco findet: „Sie sind zu gut, um sie in der Schublade verstauben zu lassen.“

Und deshalb ackerten die beiden an den Aufnahmen für die EP, als hätten sie solche Aktivitäten nie unterbrochen. „Ich spiele zwei Gitarren, Rhythmus und Lead“, erklärt Lars die Studioarbeit bei sich zu Hause in der Gifhorner Südstadt. „Dann programmiere ich die Drums und ziehe den Bass drüber.“ Auf dieses Grundgerüst baute er nach Bedarf noch Samples und fügte zuletzt Marcos Stimme ein. Die nahm jener ganz undogmatisch in seiner neuen Heimat Essen mit seinem Smartphone auf; doch hat er den Plan, sich technisch zu erweitern.

Instrumente hingegen steuerte Marco nicht bei: „Ich kann das Wort ‚Instrument‘ schreiben“, lacht er. Ein bisschen Schlagzeug traut er sich in unbeobachteten Momenten noch zu, mehr nicht, außer: „Konter-Triangel kann ich noch spielen.“ Also produzierte Lars die Tracks komplett und schnitt auch die Videos, für die Marco seine Anteile wie seinen Gesang mit dem Handy aufnahm und ihm zumailte.

Lars Conrad in seinem Tonstudio in der Gifhorner Südstadt. Keine Bange – hinter der bösen Mimik steckt ein liebevoller Familienvater.

Foto: Privat

„Und das ohne Greenscreen“, lacht Marco. Der staunt, wie es Lars gelingt, aus dem gemailten Material etwas zu erstellen, das aussieht und klingt, als hätten sie es zusammen im selben Raum aufgenommen – und nicht mit 300 Kilometern zwischen sich. „Ich würde gern zu ihm kommen“, sagt Lars, aber nicht nur Corona hindere ihn daran, dazu kommen auch seine familiären Verpflichtungen. „Man macht aus der Not eine Tugend, wir kommunizieren übers Telefon“, meint Marco schulterzuckend. „Andere jammern, wir machen was draus.“

Und was sie draus machen: „Murder Will Never Die“ lautet der Titel des ersten Videos, das auf diese Weise entstand. „The World In Undead Hands“ ist Video Nummer zwei und beide Songs sind auch auf der EP. Die inhaltliche Ausrichtung von FleshTric gibt Marco mit seinen makabren Texten vor: „Nicht schlecht“ findet Lars die Idee, mit dem „Horrorgenre ein kleines Fundament“ zu haben.

„Horror und True Crime“ seien dann auch in den Videos enthalten, verrät Marco, der für entsprechende Anleihen auf eine exorbitant umfangreiche Filmsammlung zurückgreift, die selbst Genrefan Lars in Ehrfurcht versetzt. Ohnehin feiert er die gestalterischen Fähigkeiten des Sängers, dessen typische blutige Artworks auch beim EP-Cover Verwendung finden sollen: „Wahnsinn!“

Ihre Musik bezeichnen Marco und Lars als Power Groove, Dance Metal, Rotten Roll, Brutal Groovy Death Metal – auf jeden Fall extrem und dabei abwechslungsreich. „Man muss mit dem Fuß mitwippen können“, sagt Marco. „Es muss den Hörern gefallen, es muss uns gefallen“, sagt Lars. Beide feiern dabei den Umstand, das Projekt nur zu zweit mit Leben zu füllen. „Ich habe Narrenfreiheit mit nur einem Partner“, findet Marco – und Lars bestätigt: „Man kann mit zwei Leuten einfacher arbeiten als mit fünf.“

Dabei können sie sich beide sogar vorstellen, FleshTric auf die Bühne zu bringen, sobald es das Virus wieder zulässt, und zwar ebenfalls nur zu zweit. „Vom Laptop die Audiospur mit Schlagzeug, einer Gitarre und Bass, den Rest spielen wir“, überlegt Lars. Das reiche aus, ist Marco überzeugt. „Ich hab schon Ein-Mann-Kapellen gesehen, die haben alles abgerissen.“ Als Beispiele nennt er Shaun LaCanne alias Putrid Pile und Peter Hasselbrack alias Bloodsoaked.

Nach dem Aus bei Fleshdance wechselte Marco Schrieber zu „Very Wicked“: Stefan Rodenstein (von links), Mathias Seyda, Marco Schrieber, Rafael Schlüter, Mike Röske – jeweils doppelt und aufgenommen 2001/02.

Foto: Matthias Bosenick

Und sie teilen die Auffassung, die fertige EP vorrangig digital anzubieten, also als Stream oder Download, und nicht physisch. „Ich werde keine Kartons bei mir stapeln“, winkt Lars ab. Denn: „keine Live-Auftritte, kein Merch“, also keine CD-Verkäufe nach Gigs, die verhindert schließlich Corona zurzeit. „CDs wirste nie los“, weiß auch Marco, der selbst zwar gerade noch einen CD-Player, aber keinen Plattenspieler besitzt. Er denkt höchstens über eine minimale selbstgebrannte Auflage mit ausgedrucktem Cover als Bonus zum T-Shirt-Kauf nach. Und weil Konzerte zurzeit nicht möglich sind, FleshTric aber dennoch etwas anzubieten haben wollen, erstellen Marco und Lars eben ein Video nach dem nächsten, darunter auch kurze Teaser.

Dieses hervorragende Zusammenspiel probten die beiden schon von Beginn ihrer gemeinsamen musikalischen Aktivitäten an. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, so Lars, als sie 1992 „aus der Clique heraus“ die Band Gastric Ulcer gründeten, deren Ruf bis heute nachhallt. Und das, obwohl sie „nicht viel gemacht“ haben, wie Marco findet. „Unsere Auftritte kannst Du an einer Hand abzählen.“ Aber an die wenigen erinnert er sich gut, zum Beispiel an den „feucht-fröhlichen“ mit den Proberaum-Nachbarn Cryptic Voices im Schützenhaus Neubokel, in das aus dem Nichts um die 200 Gäste den Weg fanden. Das sei programmatisch für die Rock-Szene auf dem Land, so Marco: „Da gibt‘s ein Konzert im Jahr, da freuen sich dann alle drauf und fünf-, sechshundert Leute kommen.“

Diesen Proberaum hatten Gastric Ulcer übrigens in der Erich-Kästner-Schule. „Da mussten wir alle halbe Jahr einen Proberaumantrag ans Kulturamt stellen“, erinnert sich Marco. Und in diesen Proberaum verirrten sich seinerzeit sowohl bei Gastric Ulcer als auch bei Fleshdance vorrangig Marco und Lars, selbst an Tagen, an denen eigentlich keine Proben anstanden. „Die anderen hatten keine Zeit“, berichtet der Musiker. Der Sänger wechselte in solchen Stunden kurzerhand das Fach: „Ich habe mich ans Schlagzeug gesetzt und Lars begleitet.“ In die jeweiligen Bands flossen die Ergebnisse dieser Sessions indes nie ein. „Wir hatten einfach Spaß am Musizieren“, sagt Marco. Und das sieht auch Lars so: „Es hat Spaß gemacht – wir haben uns gefunden.“ Der Grundstein für FleshTric war damals also schon gelegt.

Auf ein Demo-Tape brachten es Gastric Ulcer, „Grinding Reality“ von 1994. Dann war schon bald Schluss mit der Band und es ging für Lars und Marco 1998 weiter mit Fleshdance, mit denen sie 2000 die Demo-CD „Dead But Alive“ aufnahmen – kurz vor dem Split. „Das Potential war da“, bedauert Lars. „Schade, dass jeder seine eigenen Wege gegangen ist.“

Für Marco führte dieser Weg für die nächste Dekade nach Wolfsburg, ans Mikro von Very Wicked, und für Lars ins Heimstudio. Er war seitdem in keiner Band mehr aktiv, Marco immerhin noch bis 2012 oder 2013, als er mit den Wickeds ein letztes Konzert im AJZ Bahndamm in Wermelskirchen im Ruhrgebiet gab. Auch diese Band zerfiel danach, sogar ohne das letzte aufgenommene Album „Deadicated“ noch zu veröffentlichen. Das war kurz bevor Marco selbst nach Essen zog, „der Liebe wegen“. Dort arbeitet er heute in der Sicherheitsbranche in Dauernachtschicht, während sich der Gifhorner Lars bei einem regionalen Autobauer in drei Schichten betätigt.

Lars legte zwischenzeitig mit der Hochzeit seinen Geburtsnamen Camehl ab, er hat zwei Stiefkinder und ein gemeinsames Kind mit deren Mutter. Mit dem Namenswechsel wollte er seinem Nachwuchs ersparen, was ihm als Kind an Spott widerfuhr. Marcos Sohn wird demnächst sogar volljährig, lebt bei seiner Mutter im Landkreis Gifhorn „und ist zwei Meter groß“, staunt der selbst nicht eben mickrige Vater. Geregelte Leben mithin.

Man kann es sich nicht vorstellen, dass sich diese beiden verdienten Musiker der Südheide tatsächlich über so viele Jahre künstlerisch zurückzogen. Marco lieferte lediglich „hier und da“ im Pott Gastvocals ab und trainierte seine Sangeskünste ansonsten beim Autofahren, nicht nur zu Metal, den er seit Mitte der 80er Jahre hört. „Ich bin open minded“, erklärt der Growler, bei ihm laufen daher auch WDR Kultur und die Hitnacht im Radio.

Währenddessen verfeinerte Lars im heimischen Studio seine Skills in Musik- und Videoaufnahmetechnik. Und ganz plötzlich, im Corona-Sommer 2020, hatte Lars eben die Eingebung: „Ich hab Marco aus der Versenkung geholt.“ Denn: „Er hat Potential mit der Stimme“, und das wollte Lars nicht verloren geben. Damit rannte er bei Marco offene Türen ein.

Marco und Lars sind glücklich mit FleshTric. „Ich hab jetzt Spaß dran“, sagt Lars. „Das ist ein Hobby, ich mache das so weiter.“ Erfolge will er mit FleshTric nicht erzwingen, ist aber offen für jede Entwicklung. „Wer weiß, was noch kommt.“ Marco grinst: „Wir sind uns für nichts zu schade.“ Und ergänzt: „Man wird zwar älter, aber innerlich bin ich immer noch Kind geblieben, das sollte man sich bewahren.“

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EP: „MuSick To Be Murdered By“:
Erschienen am 20. Februar im Stream und als Download