Glauben & Zweifeln

Faktencheck Weihnachten: Wahrheit oder Fake News?

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 25.12.19
Faktencheck Weihnachten: Wahrheit oder Fake News?

Martin Wrasmann ist Pastoralreferent der katholischen St. Altfrid-Gemeinde in Gifhorn.

Foto: Çağla Canıdar

Wurde Jesus wirklich am 25. Dezember in Bethlehem geboren? Was ist an der Weihnachtsgeschichte historische Wahrheit und was literarische, wohlwollende Ausschmückung – aber trotzdem irgendwie wahr? Um den inneren Kern der Weihnacht haben sich über Jahrhunderte Legenden gebildet, die ersten davon schon in den Evangelien. Und nimmt das etwas von der Botschaft der Weihnacht? Das ist hier die Frage.

Der 25. Dezember – oder: Wie schön, dass Du geboren bist...
An welchem Tag Jesus geboren wurde, ist unbekannt. Auch über das genaue Jahr ist man sich nicht einig. Das ist aber auch ein Thema, das die biblischen Autoren gar nicht interessiert hat. Im 4. Jahrhundert legten die Christen den Geburtstag von Jesus sehr provozierend auf den Feiertag des römischen Sonnengottes Sol Invictus. Das ist eine hochpolitische Entscheidung, weil damit die Opposition gegen die römische Welt und deren religiöse Vorstellungswelt zum Ausdruck gebracht wurde.

Steuerschätzung – oder: ...und Geld regiert die Welt – doch nicht
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde“, lautet der berühmte erste Satz der Weihnachtsgeschichte bei Lukas. Der mächtigste Mann der damaligen Welt, der römische Kaiser Augustus, wird damit zur Fußnote degradiert. Augustus stellte sich in Inschriften als „Retter der Welt“ dar – vergleichbar mit heutigen Werbespots. Dieser Werbespot – Christ, der Retter ist da – wird jetzt für Jesus in Anspruch genommen. Von Augustus wird dagegen nur gesagt, dass er die Leute als Steuerzahler registrieren ließ – und Steuern waren damals genauso unbeliebt wie heute.

Bethlehem – oder: Heimat ist dort, wo ich gebor(g)en bin
Viele Theologen glauben, dass Jesus in Nazareth und nicht in Bethlehem geboren wurde. Bethlehem wurde demnach von den Evangelisten Lukas und Matthäus als Geburtsort gewählt, weil dort schon der große israelische König David geboren worden war. Die Evangelisten greifen solche positiv besetzten Bilder auf und übertragen sie auf ihren Helden, auf Jesus.

Die Krippe – oder: Wie man sich bettet, so „lebt“ man
Im Lukas-Evangelium heißt es, Maria und Josef hätten in der Herberge keinen Platz mehr gefunden, und deshalb habe Maria ihren Sohn in eine Futterkrippe gelegt. Daraus folgert man, dass sie Jesus in einem Stall zur Welt brachte. Zu der Zeit gab es noch Löwen und Bären in Israel, man konnte also nicht gut draußen schlafen. Für die Krippe gibt es keinen Bezug zu älteren Texten – gerade mal ein Hinweis auf einen historischen Kern.

Die Hirten – oder: Der Mittelstand an der Krippe
In Weihnachtsgottesdiensten wird oft betont, dass als erstes die Unterprivilegierten – die Hirten – auf Jesus aufmerksam wurden. Hirten waren damals aber gar nicht arm, sie besaßen viele Tiere. Der ursprüngliche Sinn war womöglich raffinierter: Zunächst bewachen die Hirten ihre wertvollen Schafe vor Räubern und wilden Tieren. Doch als sie von den Engeln die Botschaft bekommen, dass Jesus geboren ist, lassen sie sie unbewacht zurück. Für den zeitgenössischen Zuhörer war das ein vertrautes Bild. Es bedeutete: „Jetzt ist die große Zeit des Friedens angebrochen, die das Volk so sehnsüchtig erwartet hat.“ Auch das war wieder ein Seitenhieb auf Kaiser Augustus, der eben das von sich selbst behauptete, ein Heilsbringer zu sein.

Ochs und Esel – oder: An der Krippe ist jede/r willkommen
Sie kommen in den biblischen Berichten über die Geburt von Jesus überhaupt nicht vor, sind posthistorisch hinzugefügt.

Der Stern von Bethlehem – oder: Ein Stern, der einen Namen trägt
Viele Wissenschaftler, die keine Theologen sind, glauben, dass es den Stern wirklich gegeben hat. Sie vermuten, dass es sich um eine Konjunktion handelte – ein enges Nebeneinanderstehen der Planeten Saturn und Jupiter. Theologen sehen den Stern dagegen eher als literarisches Bild. Er spielt auf eine Geschichte im Alten Testament an, in der für Israel ein neuer Stern – ein künftiger König – geweissagt wird.

Und die Wahrheit – oder: Nichts als die Wahrheit
Die Weihnachtsgeschichte beruht großenteils nicht auf historischen Fakten. Aber ist sie deshalb unwahr? Eine Legende kann wie ein Märchen tiefe Wahrheit enthalten – viel mehr als nüchterne historische Tatsachen. Und eine Geschichte muss schon ungeheuer gut sein, um über zwei Jahrtausende hinweg nichts von ihrer Faszination einzubüßen. Die Hauptaussage der Evangelien ist deshalb sehr ernst gemeint, sie lautet: Der eigentliche Herr der Welt ist dieser Jesus. Er ist der erwartete Friedensfürst (Wahrheit), in ihm ist Gott Mensch geworden (Glaube). Die Macht ist jetzt in den richtigen Händen. Daran haben die ersten Christen fest geglaubt und das glauben Christen bis heute, dass Gott Mensch geworden ist, damit der Mensch Mensch wird.

Martin Wrasmann, Pastoralreferent der katholischen St. Altfrid-Gemeinde in Gifhorn, verfasste diesen Gastbeitrag für KURT pünktlich zum Weihnachtsfest. Dieser ist zugleich der Auftakt unserer neuen monatlichen Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Möchtet Ihr Martin Wrasmann zustimmen oder widersprechen? Dann mailt an redaktion@kurt-gifhorn.de. Wir freuen uns über jede Einsendung, die dann zum Teil auch veröffentlicht werden. Die Redaktion behält sich Kürzungen der Leserbriefe vor.