Forschung & Wissenschaft

Durchbruch: Dieser Mann hat die Bierschorle ohne Wasser erfunden

Bastian Till Nowak Veröffentlicht am 29.10.19
Durchbruch: Dieser Mann hat die Bierschorle ohne Wasser erfunden

Im Alt Gifhorn hatte Jens Schmidt den Gedankenblitz - und erschuf die Bierschorle ohne Wasser.

Foto: Bastian Till Nowak

„Heureka, ich hab‘s gefunden!“, rief Archimedes und lief vom Badehaus nackt nach Hause. Als er dort nämlich in eine bis zum Rand gefüllt Wanne stieg und sah, wie das Wasser überlief, entdeckte er das Auftriebsgesetz – was ihm letztlich dabei half, eine Aufgabe zu lösen, die ihm der König von Syrakus gestellt hatte. Jens Schmidt (50) rief zwar nicht „Heureka“ und er rannte auch nicht unbekleidet durch Gifhorns Straßen, doch auch ihn ereilte ein Geistesblitz von nicht minderer Bedeutung als der des griechischen Gelehrten vor mehr als 2000 Jahren. Denn Jens Schmidt erfand die Bierschorle ohne Wasser – und das mitten in unserem schönen Gifhorn!

Seine Spätschicht im Volkswagen-Werk in Wolfsburg war gerade beendet. Jens Schmidt setzte sich ins Auto und fuhr los. Endlich nach Hause. Doch auf halber Strecke ins heimische Wathlingen im Kreis Celle überkam ihn plötzlich der Durst. Es war ein ganz spezieller Durst. Es war: Bierdurst. Ein Durst, der nicht durch Wasser und nicht durch Eistee, nicht durch eine erfrischende Limonade und auch nicht durch Prosecco auf Eis, sondern einzig und allein durch Bier gestillt werden konnte. Bierdurst eben. Wer kennt Bierdurst nicht...?!

Von Wolfsburg bis Wathlingen sind es 55 Kilometer. 55.000 Meter in der Blechkiste von A nach B. Und das nach einer stressigen Schicht. Da will man ja eigentlich nur noch die Füße hochlegen, endlich ankommen – doch da kann es auch schon mal sein, dass einen der Durst überkommt. Genauer: der Bierdurst.

Wie gut, dass da an der B 188 nach etwas mehr als 20 Kilometern die Schilder zum Linksabbiegen gen Gifhorn einladen. Nur noch ein paar Meter die Lüneburger Straße entlang, und schon an der nächsten Ecke erblickt der Ortsunkundige das wohlig warm-weiß leuchtende Schild: Alt Gifhorn, die urige Eckkneipe mit Herz am Fuße des Gifhorner Weinbergs. Jens Schmidt war endlich angekommen – und das noch ohne zu Hause anzukommen.

„Ich hatte Durst auf ein Bier“, erzählt der Mann freimütig. Ganz so, als wäre sein dann folgender Geistesblitz – das Phänomen der plötzlichen Erkenntnis – das Normalste auf der Welt gewesen. Archimedes entdeckte in der Badewanne das Auftriebsgesetz. Isaac Newton erkannte das Gravitationsgesetz, das die gegenseitige Anziehung von massebehafteten Körpern – sei es auf der Erde, sei es im Universum – beschreibt, als er einen Apfel vom Baum fallen sah. Und Jens Schmidt erfand die Bierschorle ohne Wasser. Eine Eingebung, auf die Generationen von Bierliebhabern jahrhundertelang gewartet haben. Keine Frage, Jens Schmidts ungeahnter Gedanke wird sicher noch die Welt verändern. Ein Durchbruch sondergleichen. Doch für ihn scheint es kaum noch etwas Besonderes zu sein. Er hatte ja einfach nur Durst.

„Eigentlich wollte ich nicht nur ein Bier trinken, sondern gerne zwei – aber zwei kann ich ja nicht trinken, dann dürfte ich ja nicht mehr fahren“, beginnt Jens Schmidt auf Nachfrage zu erläutern. Vorm inneren Auge des Zuhörers türmen sich Formeln an einer imaginären Tafel auf. Die Schriftzeichen wandern durch den Raum, plötzlich ist man mittendrin in der Matrix. Alles ist voller Zahlen, Variablen, Gleichungen. Hier ist etwas durchgestrichen, dort etwas anderes eingekringelt. Wer den Denker beim Denken beobachtet, der bemerkt sofort: Die Lösung ist zum Greifen nah. Und plötzlich ist er da: der Gedankenblitz!

Jens Schmidt bestellte, und Thekenfachkraft Alexandra Buchwald erkannte sofort: Hier wird Geschichte geschrieben! Dieser unerschrockene Mann kam aus dem Nichts, auf dem Weg von Wolfsburg nach Wathlingen, er war noch nie im Alt Gifhorn. Und doch sollte es der Höhepunkt seines bisherigen Lebens werden. Veni, vidi, vici: „Ich kam, ich sah, ich siegte“, bekannte Gaius Julius Caesar einst nach der Schlacht bei Zela. Doch was jetzt folgte, sollte den alten Römer in den Schatten stellen. Denn Jens Schmidt, dieser furchtlose Recke, wollte zwei Bier trinken – und letztlich trank er auch zwei Bier. Was für ein Kerl!

„Er bestellte ein Bier und ein alkoholfreies Bier – dazu noch ein leeres Glas“, berichtet Alexandra Buchwald. Momente wie diese sind es, die dereinst in Fernsehdokumentationen eingehen werden. Zeitzeugen berichten. Purer Nervenkitzel. Als wäre man selbst dabei gewesen. Jens Schmidt nahm beide Biere – das mit handelsüblichem Alkoholgehalt und das alkoholfreie – und kippte aus beiden etwa gleich viel im leeren Glas zusammen. Die Bierschorle ohne Wasser war erfunden. Der Kenner setzte an, probierte erst zaghaft, und ließ es dann genüsslich Schluck um Schluck in den Schlund wandern. Die Bierschorle ohne Wasser bestand ihre Jungfernfahrt. Sie schmeckte! Und das allerbeste: Gleich im Anschluss konnten die beiden verbliebenen Hälften zur zweiten Bierschorle dieses Abends zusammengegossen werden.

Jens Schmidt lächelte. Es ist das unverkennbare Lächeln des Triumphs. Das Wissen darum, der Erste gewesen zu sein. Dieser Mann hatte einen Plan – und der Plan ging auf!