Geschichte

Den Gifhorner Juden lag ihre Stadt stets am Herzen

Annette Redeker Veröffentlicht am 10.12.19
Den Gifhorner Juden lag ihre Stadt stets am Herzen

Annette Redeker (links) führt regelmäßig Besuchergruppen über den jüdischen Friedhof in Gifhorn.

Foto: Sina Duckstein

„Der jüdische Friedhof in Gifhorn – Geschichte, Dokumentation, Spurensuche“ heißt der jüngst erschienene zweite Band der Schriftenreihe des Gifhorner Stadtarchivs – herausgegeben von der Stadt Gifhorn, verlegt von KURT Media. Die fotografische Dokumentation der erhaltenen Grabsteine durch Hartmut Rohde lieferte die Grundlage für die Übersetzung der hebräischen Inschriften. Diese erfolgte durch Anna Martin vom Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut, die zudem einen Einblick in jüdische Bestattungskultur gibt. Annette Redeker schlägt den Bogen in die Vergangenheit und stellt die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Gifhorn dar. Beispielhaft werden dabei einige Lebenswege der dort bestatteten Vertreter der Familie Menke näher beleuchtet und nachgezeichnet. Und einige der Erkenntnisse fasste sie in diesem Gastbeitrag für KURT zusammen.

Der an der Lutherstraße gelegene jüdische Friedhof stellt eine der wenigen Spuren jüdischen Lebens in Gifhorn dar. Auf dem circa 1000 Quadratmeter großen Areal sind 32 Grabsteine bis heute erhalten. Die Gesamtzahl der dort Bestatteten ist nicht bekannt. Das älteste Grab stammt aus dem Jahr 1784, die letzte Beisetzung erfolgte 1915. Die Grabsteine weisen überwiegend hebräische Inschriften auf, teilweise ergänzt durch deutsche Texte auf der Rückseite. Der Name Menke ist besonders häufig zu entziffern.

Das Buch „Der jüdische Friedhof in Gifhorn – Geschichte, Dokumentation, Spurensuche“umfasst 170 Seiten, darunter Abbildungen aller 32 Grabsteine mit Übersetzungen und Erläuterungen.

Foto: KURT Media (Gestaltung)

Erste Nachweise der Ansiedlung von Juden in Gifhorn existieren ab Beginn des 18. Jahrhunderts, eine kleine jüdische Gemeinde etablierte sich mit einer eigenen Synagoge am Steinweg und dem vor den Toren der Stadt gelegenen Friedhof. 1799 tauchte erstmals der Name Menke beim Kauf eines Hauses auf. Der Zeit entsprechend benötigten die Juden einen von der Obrigkeit ausgestellten Schutzbrief, der sie berechtigte, sich in Gifhorn niederzulassen und ihren Geschäften nachzugehen. In der Regel handelten die Juden mit den unterschiedlichsten Waren wie Holz, Stoffen oder auch Getreide. Trotz der für die jüdische Bevölkerung damals geltenden Beschränkungen konnten Mitglieder der Familie Menke mit Sondergenehmigungen Bürgerhäuser am Steinweg erwerben.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es allerdings durchaus Proteste aus der Bürger- und Kaufmannschaft gegen diesen Grunderwerb. Gegen alle Widerstände bemühten sich besonders Vertreter der Familie Menke um Anerkennung in der städtischen Gesellschaft und traten für die Belange ihrer Heimatstadt ein. Hervorzuheben sind dabei die Brüder Moses, Salomon und Jonas Menke. Geboren Ende des 18. Jahrhunderts verbrachten sie ihr gesamtes Leben in Gifhorn und wurden auf dem hiesigen jüdischen Friedhof beigesetzt.

Alle drei Brüder waren als Kaufleute tätig. Jonas und Salomon gehörten zu den Gründungsmitgliedern des Uniformierten Schützenkorps. Wenn nötig, wie etwa zum Kauf einer Vereinsfahne, spendeten sie großzügig. Noch heute ist ein silberner Pokal, gestiftet von Jonas Menke, alljährlich beim Schützenfest in Gebrauch. Auch in den Gremien der Stadt engagierten sich die Brüder, so war Jonas Bürgervorsteher im Bürgerkollegium.

In der nachfolgenden Generation der Menkes gab es wieder Persönlichkeiten, denen die Stadt Gifhorn besonders am Herzen lag. Zu nennen sind dabei Alexander und Heinrich Theodor Menke. Alexander Menke errichtete 1909 eine Stiftung, von der alljährlich zu Weihnachten Bedürftige finanziell bedacht werden sollten. Auch die Gründung des Historischen Museums Schloss Gifhorn ist auf Alexander Menkes Initiative zurückzuführen, ebenso die Spende von Apfelsinen zum Winterball des USK. Heinrich Theodor vermachte der Stadt Gifhorn 1885 in seinem Testament 5000 Mark, welche zum Bau von Armenwohnungen verwendet werden sollten. Noch heute erinnert am sogenannten Legathaus an der Konrad-Adenauer-Straße eine Erinnerungstafel an das großzügige Vermächtnis. Und auch die Theodor-Menke-Straße oberhalb des jüdischen Friedhofes weist auf ihn hin.

Wie alle anderen Menkes verzogen auch Alexander und Heinrich Theodor in größere Städte. Die jüdische Gemeinde wurde 1896 aufgelöst. Der Erhalt des Friedhofs gestaltete sich dann schwierig. Persönliche Verbindungen der Familie Menke und die Bereitstellung von Geld durch Alexander Menke gewährleisteten zunächst eine regelmäßige Pflege. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das jedoch immer schwieriger. Allerdings entging der Friedhof im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Begräbnisstätten einer Zerstörung. Lediglich wenige umgestürzte Grabsteine und eine gewisse Verwilderung ergab eine Bestandsaufnahme Anfang der 50er Jahre.

Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte die Frage auf, wer der Besitzer des Friedhofs sei. Eine Grundbucheintragung gab es nicht, in alten Stadtakten und Karten aus dem 19. Jahrhundert war „die israelitische Gemeinde“ als Eigentümerin genannt, diese bestand aber lange nicht mehr.

Eine nach der Emigration in New York lebende Nachfahrin der Familie Menke, Johanna Menke, beanspruchte das Areal für sich. 1964 erfolgte im Grundbuch ihre Eintragung als Besitzerin. Die Pflege übernahm die Stadt Gifhorn. 2012 wurde der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen als aktueller Besitzer des Friedhofs vermerkt. Eine der Aufgaben des nach 1945 gegründeten Verbandes sind der Erhalt und die Pflege von verwaisten jüdischen Friedhöfen, bei denen so wie in Gifhorn keine jüdische Gemeinde mehr existiert.

Seit einiger Zeit steigt das Interesse an den Spuren jüdischen Lebens und so auch am jüdischen Friedhof in Gifhorn deutlich. Das zeigen auch die hohen Teilnehmerzahlen bei den seit 2017 veranstalteten öffentlichen Führungen.

Das Buch „Der jüdische Friedhof in Gifhorn – Geschichte, Dokumentation, Spurensuche“ (ISBN: 978-3-9820339-1-4) umfasst 170 Seiten, darunter Abbildungen aller 32 Grabsteine mit Übersetzungen und Erläuterungen. Es kostet 18 Euro und ist zu haben in den Gifhorner Buchhandlungen sowie auf Bestellung per E-Mail an stadtarchiv@stadt-gifhorn.de.