Weihnachten in Gifhorn

Das Weihnachtssternchen - Eine Geschichte über streitende Eltern und ein trauriges Mädchen

Cornelia Cieslar Veröffentlicht am 26.12.19
Das Weihnachtssternchen - Eine Geschichte über streitende Eltern und ein trauriges Mädchen

Katrin hat zu Weihnachten in diesem Jahr nur einen einzigen Wunsch...

Foto: Caroline Hernandez

In der Weihnachtsnacht leuchten die Sternchen heller als in anderen Nächten. Sie nehmen ihren Glanz aus tausend und abertausend strahlenden Kinderaugen. Jedes Sternchen ist ein Wunsch, ein Traum, eine Glückssekunde. Siehst Du genau hin und hörst aufmerksam auf den Atem der Nacht, so erkennst Du, wie den Sternchen plötzlich Hände wachsen und Flügel. Sie fassen sich an, tanzen und singen. Wenn es aber das eine oder andere gar zu tollpatschig und ausgelassen treibt, so fällt es herunter. Und fliegt! Fliegt in die Aushängereklamen der Läden, in die Schaufenster und Straßen und kichert vor Freude, wenn es die Vorübergehenden nicht bemerken.

Katrin freut sich auf dieses Weihnachtsfest. Wenn die Großmutter ihr Geschichten erzählt, hört sie aufmerksam zu mit großen Augen und feuchten Händen. Jedes Jahr freut sich das Mädchen, und doch ist es dieses Jahr anders. Denn dieses Jahr hat sie zum ersten Mal ein eigenes Geschenk, ein schönes, ein wunderbares! Es ist ein Wunschzettel, keiner wie sonst. Sie hat nicht den Puppenwagen und das grüne Kleid gemalt, vor dem sie jeden Tag auf dem Nachhauseweg stehen bleibt. Sie träumt zwar nachts davon, wie sie Susi in dem neuen Wagen spazieren fährt – gut zugedeckt und warm angezogen –, aber es gibt etwas, das sich Katrin noch mehr wünscht.

Großmutter hat ihr erzählt, dass sich unter dem Weihnachtsstern alle Menschen lieb haben. Er verzaubert sie, und sie erkennen sich plötzlich, als hätten sie vorher die Welt nur durch Nebelschleier gesehen – grau und undeutlich. Aber der Stern erhellt alles: den Wald, die Straßen und die Häuser. Er leuchtet in die Wohnungen, ja sogar bis ins Herz hinein. Und wen er mit seinem Glanz trifft, der kann nicht mehr anders, als den anderen einfach lieb zu haben.

So einen Stern hat Katrin gemalt! Groß und strahlend. Und darunter: Mama und Papa. Sie halten sich im Arm und geben sich einen Kuss. Ja und Katrin selbst ist auch auf dem Bild. Gehört doch schließlich mit dazu.

Jeden Tag öffnet Katrin ein Türchen ihres Weihnachtskalenders. Jeden Abend, wenn sie im Bett liegt, sieht sie noch einmal ihr Bild an. Mit jedem geöffneten Türchen klopft ihr Herz mehr. Beim letzten ist es so, als wolle es aus der Brust springen; als wäre es ihm zu eng darin geworden, diesem kleinen hüpfenden Gesellen; als wollte er tanzen und lachen – genau wie sie, die Katrin.

Am Abend brennen die Kerzen am Baum. Musik erfüllt das Zimmer. Die Eltern haben sich festlich angezogen, packen ihre Geschenke aus. Aber ohne ein richtiges Lächeln – stumm, wie die Puppen im Schaufenster.

Gleich, gleich wird sich alles ändern! Gleich werden sie mein Bild finden. Gleich…
Aber die Eltern übersehen das Bild. Katrin muss ihnen helfen und legt es auf den gedeckten Tisch.

„Katrin, jetzt wird aber nicht mehr gemalt. Wir wollen essen!“

„Aber Mama, das ist… das ist für Euch! Mein Geschenk. Sieh doch!“

„Ja, schön, aber räum es jetzt bitte weg, ja?“ Katrin lässt den Kopf ein bisschen hängen.

„Papa, das Bild…“

„Ja, was ist denn das? Ein großes Feuer, wohl ein Vulkanausbruch? Und da unten, das sind wohl die Teufelchen?“

„Nein, das seid Ihr. Unter dem Weihnachtsstern. Ihr streitet nicht mehr und habt Euch wieder lieb…“

Der Vater wirft seiner Frau einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Deine Mutter immer mit ihren Geschichten! Die Oma bringt das Kind noch ganz durcheinander.“

Er lacht dann aber und legt das Bild auf den Schrank. Die Mutter geht in die Küche, um den Braten zu holen. Der Windstoß beim Vorübergehen fegt das Bild herunter, wo es achtlos liegen bleibt.

Katrin hat keinen Hunger mehr, auch keine Lust, Susi in den neuen Puppenwagen zu setzen, und das grüne Kleid ist ihr zu eng.

Am nächsten Morgen sucht sie ihr Bild. Sie findet es im Papierabfall. Nur Katrin hört, wie das Sternchen leise weint. Und am Abend merkt keiner, dass am großen, sternenübersäten Himmel ein kleines Sternchen fehlt, das still und heimlich
erloschen ist.

Cornelia Cieslar ist seit 1993 Mitglied der Gifhorner Literaturwerkstatt und übernahm 2009 deren Leitung. „Literaturwerkstatt – das sind Impulse, das ist gelebter Teamgeist, Engagement und Schwung. Ehrlich und authentisch“, beschreibt sie selbst die literarische Gruppe der Kreisvolkshochschule in Gifhorn. 1962 in Thüringen geboren, schreibt sie seit ihrem 15. Lebensjahr bevorzugt in den Genres Lyrik, Kurzgeschichten, Krimis, Aphorismen, Märchenhaftes, Humorvolles, Reiseerlebnisse und autobiographische Texte. 1996 erschien ihr erster Lyrikband „Hab mich entdeckt für Sekunden“ im Rhönverlag Hünfeld. 2002 „Klopfzeichen“, eine Aufarbeitung des Nachlasses von Walter Werner, erschienen im Wartburgverlag. Im Herbst 2010 veröffentlichte sie den Lyrik- und Kurzgeschichtenband „Ich will dich ganz“, der im Göttinger Verlag erschienen ist.