Glauben & Zweifeln

"Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt" - Warum handeln wir gegen das bessere Wissen?

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 14.01.20

„Mitunter verzweifele ich an meiner eigenen Unfähigkeit, das Gute, von dem ich überzeugt bin, auch wirklich zu tun“, sagt Martin Wrasmann. Wem geht es genauso?

Foto: Çağla Canıdar

Gerade zu Beginn eines Jahres sind sie wieder da, die guten Vorsätze, sportliche, soziale, beziehungsbezogene, körperliche... Ich habe mir wieder ins Bewusstsein gerufen, an das Gute im Menschen zu glauben; was auch sonst soll ich tun als gläubiger Mensch. Mitunter verzweifele ich an meiner eigenen Unfähigkeit, das Gute, von dem ich überzeugt bin, auch wirklich zu tun. Der einzige Trost: Ich kenne zu viele, denen es genauso geht. Oder anders formuliert: Warum gibt es immer wieder dieses Handeln gegen das bessere Wissen?

Angesichts der großen Herausforderungen in der Klimaentwicklung und der bedrohenden Szenarien handeln wir immer noch so, als gäbe es Optionen für alles Mögliche. Wir als BRD verkaufen Waffen in die Türkei und wundern uns, dass sie diese auch anwenden wollen. Was für ein Zynismus. In der Jahreslosung der evangelischen Kirche 2019 hieß es: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Ein klarer Auftrag, wie er schon seit Jahrtausenden im Psalm 34 formuliert ist.

Frieden steht zu Beginn eines neuen Jahres auf der Wunschliste vieler Menschen ganz oben. In der katholischen Kirche ist der 1. Januar der Weltfriedenstag. Frieden ist eine zentrale Sehnsucht der Menschheitsgeschichte, es gibt tausende Bilder und Beschreibungen, wie die Wege zu einem Frieden im Großen wie im Kleinen aussehen können – und dennoch ist eine der größten Erfahrungen der Menschheitsgeschichte der Unfriede. Handeln wider besseres Wissen!

„Einsicht fehlt den meisten nicht, ganz anders liegt der Grund: Was recht ist, sehen wir und wissen wir, und tun es doch nicht, seis aus Lässigkeit, seis, weil die Lust des Augenblicks das Werk verdrängt, und mancherlei Verlockung gibt‘s: endlos Geschwätz, den lieben Müßiggang, die falsche Scham, die alles unterdrückt.“

Wer kennt sie nicht aus eigener – oft leidvoller! – Erfahrung, wovon die Königin Phaedra in Euripides „Hippolytos“ spricht. Philosophen aller Epochen haben sich mit diesem Dilemma auseinandergesetzt, von Sokrates bis Precht von Seneca bis Sloterdijk, und die Klugen anderer anthropologischer Disziplinen haben viele Theorien entwickelt, aber schlussendlich nicht die alles befriedigende Lösung gefunden. Auch mir wird das hier nicht gelingen. Ich will aber die beste aller Möglichkeiten beschreiben, wie wir einen gesellschaftlichen Grundkonsens im Handeln für das Gute umsetzen können.

Erstens: den Grundkonsens verständigen. Das ist übrigens schon oft geschehen, ich denke an Kants kategorischen Imperativ oder das Doppelgebot der Liebe im neuen Testament oder die Gott-Mensch-Beziehung als Liebesbeziehung im Koran (Sure 5, 54). Also so schwer kann das nicht sein.

Zweitens braucht es dann Regeln für die Umsetzung des Konsenses, geschichtlich erprobt haben sich da Verbote, die das Leben regeln. Nur auf Freiheit zu setzen, hat sich nicht bewährt. Im Übrigen hat es vor aller Verständigung von Menschen Gebote gegeben, zehn, von denen manche klugen Leute sagen, alle Gesetze, die es gibt, gäbe es nur, um den Zehn Geboten Ausdruck zu verleihen.

Drittens: Storytelling, erfolgreiche Geschichten erzählen vom Handeln aus richtigem Wissen, diese gibt es in Hülle und Fülle. Solche Geschichten begeistern mich und stecken mich an.

Viertens: Fuckup Nights, Erzählrunden mit Geschichten vom Scheitern und Handeln wider besseres Wissen, und wie aus denen, die gescheitert sind, Menschen wurden, die wieder aufgestanden sind. Das Ganze braucht einen Rahmen, die Beste aller Gesellschaftsformen, die Demokratie.

Der Leipziger Musiker Sebastian Krumbiegel hat ein Lied für die Demokratie geschrieben, in dem über sie zu erfahren ist, dass sie „weiblich“ und „verletzlich“ ist und dass „Liebe“ und „Hoffnung“ ihre „Schwestern“ sind. Ferner sind „Barmherzigkeit“ und „Humanität“ genau das, „worum es geht“, derweil die „Klugheit“ ebenso „auf der Matte steht“ wie „Solidarität“, „Schönheit“, „Freiheit“ und „Verliebtheit“. „Ich will ein Leben lang für diese Dinge gradestehn“, heißt es im Refrain, „mit all den Leuten, die auf dieser Seite sind“.

Also dann, liebe LeserInnen, auf zum Handeln, aus gutem Wissen. Fehlschläge sind erlaubt. Und deshalb lautet mein Fazit: Die Erneuerung der Gesellschaft beginnt mit der Selbsterneuerung des Einzelnen. Und deshalb brauchen wir alle: eine Leidenschaft für Fehlschläge, das Bedürfnis, zu lernen, einen Hang zum Handeln, eine Vorliebe für Unsicherheit, eine Abscheu vor aufgeblasenen und unflexiblen Bremsern, die Bereitschaft zum Schnellschuss, den Glauben an die Neugier aller, die Lust am Verdrehten, eine Neigung zu „heißen“ Wörtern, einen Zug zur Revolution, die Liebe zum Lachen, eine Abneigung gegen laute Antworten und die Entschlossenheit, die Pest der Langeweile niemals und nirgends zu dulden und die Sehnsucht nach Gott, dem Himmel, der vom Himmel fällt. Habe ich auch nichts vergessen? Ein gutes und gesegnetes Jahr 2020 wünsche ich Ihnen.

Martin Wrasmann, Pastoralreferent der katholischen St. Altfrid-Gemeinde in Gifhorn, schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Beipflichtungen wie auch Widerworte sind stets willkommen. Leserbriefe bitte an redaktion@kurt-gifhorn.de.