Engagement

Susanne Scherf ist Sterbebegleiterin: "Auch die Zeit des Sterbens ist eine wertvolle Zeit des Lebens"

Thorben Kroll Veröffentlicht am 14.11.19
Susanne Scherf ist Sterbebegleiterin:

Susanne Scherf ist seit einem Jahr als ehrenamtliche Sterbebegleiterin des Vereins Hospizarbeit Gifhorn im Einsatz.

Foto: Thorben Kroll

Sie begleitet sterbende Menschen und ihre Angehörigen: „Wenn ich einer Familie in einer dunklen Phase ein Stück weit unter die Arme greifen kann und sehe, dass sie sich dabei gut aufgehoben fühlen, ist deren Dankbarkeit weitere Motivation für mich“, sagt die 62-jährige Gifhornerin Susanne Scherf. Sie ist eine von fast 50 ehrenamtlichen Sterbebegleitern in unserem Landkreis – weitere Interessierte sind im Kreis des Gifhorner Hospizvereins stets willkommen.

Wenn Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt oder deren Angehörige eine qualifizierte Begleitung wünschen, jemanden brauchen, der ihnen in dieser Zeit des Abschieds mit Rat und Tat zur Seite steht, dann können sie sich an den Verein Hospizarbeit Gifhorn wenden. Ehrenamtliche Mitarbeiter begleiten schwerstkranke und sterbende Menschen, deren Familie und Angehörige in ihrem Alltag – also im häuslichen Umfeld, aber auch in stationären Pflege- und Behinderteneinrichtungen, in Krankenhäusern und in Hospizen.

Susanne Scherf ist noch ganz neu dabei. Sie unterstützt Sterbende und deren Angehörige in ihren schwersten Stunden, meist über mehrere Monate. „Von zwei Damen, die ich betreut habe, musste ich inzwischen Abschied nehmen. Aktuell begleite ich zwei Herren“, berichtet sie aus ihrem ersten Jahr in der ehrenamtlichen Hospizarbeit.

„Einer der Herren wohnt zurzeit im Hospiz in Uelzen, weil die Hospizhäuser in Wolfsburg und Braunschweig leider keinen freien Platz mehr für ihn hatten und uns in Gifhorn immer noch ein stationäres Hospizhaus fehlt“, erklärt Susanne Scherf. „So müssen die Angehörigen des Schwerstkranken weite Wege zurücklegen, um ihn zu besuchen und daher sind ihnen tägliche Besuche oft nicht möglich.“ Die Sterbebegleiterin hofft deshalb auf den baldigen Bau des Gifhorner Hospizhauses, dessen Baupläne bereits fertig sind. Ein Modell davon kann zurzeit im Foyer des Gifhorner Kreishauses begutachtet werden.

Der zweite Herr, den Susanne Scherf zurzeit begleitet, lebt mit seiner Frau im Landkreis Gifhorn. Seine Frau koordiniert die Einsätze der Pflegekräfte und des Palliativarztes, versorgt ihren Mann mit Essen und macht den ganzen Haushalt einschließlich Garten. „Ich fahre dort hin, damit sie Zeit hat, zum Friseur zu gehen, oder sich auch mal mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen kann, einfach, um ihr eine Pause von der täglichen 24-Stunden-Arbeit – das Umsorgen ihres Mannes – zu schenken“, erklärt Susanne Scherf mit einem Lächeln im im Gesicht. „Ich unterhalte mich dann mit dem Herrn, wir erzählen uns von besonderen Erlebnissen, wir trinken einen Tee oder wir stöbern gemeinsam in einem alten Fotoalbum. Zwischendurch gibt es natürlich auch immer wieder ernstere Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen – und die sind mindestens genauso wichtig.“

Sterbebegleiter unterstützen sterbende Menschen und ihre Angehörigen in ihren schwersten Stunden.

Foto: Fotolia

„Wir, die ehrenamtlichen Begleiter, wollen ja unterstützen, wo wir können, aber auch niemandem etwas wegnehmen. So haben Ärzte, Pflegepersonal und die eigene Familie alle ihre wichtigen Aufgaben“, erklärt die Mitarbeiterin im Fachbereich Soziales der Gifhorner Kreisverwaltung. „Das Angebot der Hospizhilfe ist eine Option, die an mancher Stelle für Entlastung sorgen kann.“

In dieser Frau, die für ihren Mann sorgt, die jederzeit für ihn da ist, die sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse komplett zurückstellt, erkennt Susanne Scherf sich selbst wieder. Als ihre beiden Söhne sieben und zehn Jahre und ihre Tochter gerade erst zwei Jahre alt waren, erlitt ihr Mann einen Herzinfarkt. „Von einem Sauerstoffmangel im Gehirn während des Infarktes hat er sich nicht wieder erholt“, erinnert sie sich an diese schwere Zeit. Plötzlich war sie im Grunde alleinerziehende Mutter samt Pflegefall zu Hause: „Er hat nur noch wenige Worte sprechen können. Wir konnten uns selten sicher sein, was er von verbaler Kommunikation noch verstehen konnte. Aber er erkannte uns; ich konnte beobachten, dass er sich entspannte, ruhiger wurde und zufriedener wirkte, sobald die Kinder ins Zimmer kamen. So lebten wir insgesamt sechs Jahre lang.“

Sechs lange Jahre, in denen Susanne Scherf mit drei kleinen Kindern und ihrem pflegebedürftigen Mann als zusätzliche Aufgabe neben ihrem Beruf mächtig gefordert war: „Die Leute fragten mich oftmals, wie es denn meinem Mann ginge. Das war vollkommen normal – aber kaum einer hat sich erkundigt, wie es unseren Kindern oder mir dabei geht. Erst viel später habe ich verstanden, wie sehr ich mich bei der täglichen Pflege selbst vergaß, dass die Kinder und ich oftmals zu kurz kamen – und wie wichtig Unterstützung und Beistand in so einer schwierigen Lebensphase sind.“

Susanne Scherf wurde nicht nur selbst mit Trauer und Tod konfrontiert, sondern auch mit dem schleichenden Abschied auf Raten. Sie weiß also, wie kräftezehrend diese Zeit für die Angehörigen sein kann. Ihr jetziges Tun in der Sterbebegleitung resultiert aus dieser wichtigen Erfahrung, die sie auch für das Seelenleben der Angehörigen sensibilisiert hat.

Genauso wie die fast 50 weiteren ehrenamtlichen Sterbebegleiter in unserem Landkreis hat auch Susanne Scherf eine fast einjährige Schulung des Gifhorner Hospizvereins durchlaufen. Diese besteht aus Schulungsabenden, Seminartagen und Hospitationen sowie ganzen Seminar-Wochenenden, um die zukünftigen Sterbebegleiter auf ihre Tätigkeit vorzubereiten.

Für Februar 2020 plant der Verein Hospizarbeit Gifhorn übrigens eine Veranstaltung mit Ausstellung zum Thema Trauer-Tattoos im Mehrgenerationenhaus in Gifhorn. Dort soll dann auch die Geschichte von Susanne Scherfs Tochter Lisa erzählt werden, die sich in Gedenken an ihren verstorbenen Vater ein Trauer-Tattoo stechen ließ.

Nicht nur für den Sterbenden oder die Sterbende selbst da zu sein, sondern das ganze System aus Familie und Angehörigen zu stärken, sieht Susanne Scherf als Herausforderung und Aufgabe in ihrem Engagement – und gleichzeitig als Motivation: „Das Leben ist nun einmal endlich, also gehört der Tod ganz natürlich und selbstverständlich mit zum Leben. Daran können wir nichts ändern. Wir können nur lernen, entspannt und möglichst positiv damit umzugehen“, sagt die Gifhornerin. „Ich betrachte die Sterbenszeit als wertvolle Lebenszeit.“

KURTs Tipp: Jedes Jahr startet eine neue Schulung für ehrenamtliche Sterbebegleiter – zuvor gibt‘s Informationsabende. Weitere Infos im Internet: www.hospizarbeit-gifhorn.de.